Christian Putsch

Dubiose Gaza-Flüge nach Südafrika werfen Fragen auf

Christian Putsch
Dubiose Gaza-Flüge nach Südafrika werfen Fragen auf

153 Menschen aus Gaza landen in Johannesburg – ohne Gepäck, ohne Ausreisestempel. Ein undurchsichtiges Netzwerk aus Firmen und israelischen Behörden soll die Abreise organisiert haben. Südafrikas Regierung will künftig derartige Flüge unterbinden

Als Luay S. am frühen Freitagmorgen in Johannesburg landet, trägt er zwei Hosen übereinander, zwei Hemden, zwei Jacken. Seine Frau und die beiden kleinen Kinder auch. In der Hand hält er eine durchsichtige Plastiktüte. „Sie haben uns gesagt, wir dürfen keine richtigen Taschen mitnehmen“, erzählt er am Telefon. „Alles musste in leichte, durchsichtige Tüten passen – wir haben da Papiere, Medikamente und Ladekabel reingepackt.“
Luay ist einer von 153 Palästinensern aus Gaza, die mit einem Charterflug am Flughafen OR Tambo ankamen – und deren Ankunft die südafrikanischen Behörden wenige Tage vor dem G20-Gipfel in Johannesburg (ab 22. November) ins Chaos stürzte. Das Land, das Israel Ende 2023 vor den Internationalen Gerichtshof gezerrt hat, findet sich inmitten der Debatte darüber, wie freiwillig die von Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu angestrebte „freiwillige Ausreise“ von möglichst vielen Bewohnern Gazas wirklich ist. Und inwiefern dubiose Unternehmen von der Situation profitieren.
Der Weg von Luay, einem Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation in Gaza, und seiner Familie aus dem Kriegsgebiet nach Südafrika begann sechs Monate vorher mit einem Klick in den sozialen Netzwerken. „Es war eine Facebook-Anzeige“, erinnert sich der 35-Jährige. „Da stand: Wir organisieren sofortige Evakuierung, melden Sie sich über diesen Link.“
Der führte auf die Seite einer laut Selbstbeschreibung „humanitären Organisation“ namens Al-Majd Europe, die „Hilfe und Rettungsaktionen für muslimische Gemeinschaften in Konflikt- und Kriegsgebieten“ als eine ihrer Leistungen listet. Luay lädt Passkopien hoch, trägt Namen der Familienmitglieder und Kontaktdaten in ein Formular ein.
Dann beginnt eine monatelange Hängepartie. „Ich habe einen Anruf bekommen, dass die Israelis jetzt mit der Sicherheitsüberprüfung beginnen würden.“ Als die vorlag, kam der nächste Anruf. Es werde bald einen Flug geben: „Haben Sie Interesse?“ 8000 Dollar seien für die Familie fällig, 2000 Dollar pro Person also. Bezahlt in USDT, einer Kryptowährung.
Luay zögert lange, will seine Eltern und Freunde nicht zurücklassen. Aber er glaubt, dass der Waffenstillstand nicht lange halten wird. Er habe an die Zukunft seiner Kinder gedacht, sagt er, nicht nur an die Gefahr, auch an die Schulbildung, die in Gaza derzeit nicht stattfinden könne. Er zahlt – ermutigt auch davon, dass Bekannte kurz zuvor über ein derartiges Angebot in Indonesien angekommen waren. Ja, er habe ein Vermögen gezahlt, sagt Luay, „aber für ein Leben ist es doch nichts.“
Dabei weiß er in diesem Moment nicht einmal, in welches Land er gebracht werden soll. Es sei ihm jedoch klar gewesen, dass Südafrika ein mögliches Ziel war, weil das Land Palästinenser ohne Visum einreisen lässt – einst ein Dankeschön der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) für die logistische Unterstützung der Palestine Liberation Organization (PLO) während des Befreiungskampfes gegen die Apartheid.
Die israelische Zeitung Haaretz hat recherchiert, dass hinter dem dubiosen Geschäftsmodell von Al-Majd Europe ein israelisch-estnischer Geschäftsmann steht. Das „Büro für freiwillige Auswanderung“ im israelischen Verteidigungsministerium habe die Organisation dem Bericht zufolge an die Armee vermittelt, um Ausreisen zu koordinieren. Al-Majd behauptet, im Jahr 2010 in Deutschland gegründet worden zu sein und Büros in Ostjerusalem zu haben. Dort ist sie laut Haaretz jedoch nicht registriert. Auch die Homepage ging erst vor einem Jahr online.
Doch die Reise funktioniert zunächst. Am vergangenen Mittwoch werden Luay und seine Familie im Morgengrauen an einem Treffpunkt abgeholt. Drei Stunden habe der Sicherheitscheck der Israelis am Grenzübergang Kerem Schalom gedauert. „Sie haben unsere Pässe mit ihren Geräten gescannt, danach mussten wir im Bus warten“, sagt Luay, „dann haben sie uns passieren lassen.“ Nach drei Stunden erreichten sie den Flughafen Ramon, von dem aus es schon ähnliche Flüge nach Indonesien gab.
Und auch nach Südafrika. Bereits Ende Oktober war dort ein Flugzeug mit 176 palästinensischen Flüchtlingen gelandet, was erst vor einigen Tagen durch Hilfsorganisationen bekannt wurde. Dennoch zeigten sich die Behörden überrascht, als die Gruppe am Freitagmorgen nach einem Zwischenstopp in Nairobi in Johannesburg landete.
Sie hielten die Passagiere zwölf Stunden an Bord zurück. Offiziell, weil israelische Ausreisestempel in den Pässen fehlten. „Viele Freunde, die früher über Al-Majd, über andere Organisationen oder über Botschaften ausgereist sind, hatten auch keine Stempel. Manche hatten nicht einmal Pässe, wurden mit Ausweisen oder Geburtsurkunden evakuiert.“
Erst am Flughafen in Johannesburg realisiert er, dass dieser „Normalfall“ ein Problem wird. „Wir saßen fast den ganzen Tag in der Maschine“, erzählt er. „Es war heiß, das Flugzeug voller Kinder, Kranker, alter Menschen, vieler Frauen. Wir wussten nicht, ob wir einreisen dürfen oder zurückgeschickt werden.“
Das südafrikanische Portal Daily Maverick berichtet, dass Südafrikas Polizei die Fluggesellschaft bereits angewiesen hatte, die Flüchtlinge an ihren Herkunftsort zurückzubringen. Dann habe Präsident Cyril Ramaphosa ihre Aufnahme angeordnet – wohlwissend, dass er sonst international als Heuchler dagestanden hätte – angesichts der scharfen Kritik seiner Regierung an Israel.
Die Flüchtlinge seien „irgendwie auf mysteriöse Weise in ein Flugzeug gesetzt worden“, gab Ramaphosa zu Protokoll. Doch sie würden aus „einem vom Krieg zerrissenen Land“ stammen, „wir können sie nicht zurückweisen“. Man werde allerdings eine „ordentliche Untersuchung“ einleiten, sagte er in Richtung der zahlreichen Südafrikaner, die in den sozialen Netzwerken Sicherheitsbedenken äußerten. Rund 130 nahmen das Einreiseangebot an und bekamen ein 90 Tage lang gültiges Standardvisum, noch ist unklar, ob sie Asyl beantragen. Rund 20 reisten unmittelbar in andere Länder weiter.
Der französische Fernsehsender France24 berichtet, dass Israel die Erlaubnis Südafrikas vorliegen hatte. Ramaphosas Sprecher Vincent Magwenya dementiert das gegenüber dieser Zeitung entschieden: „Diese Erlaubnis liegt nicht vor. Israels Regierung lügt weiterhin.“ Am Montag teilte Außenministerium Ronald Lamola dann mit, derartige Flüge künftig unterbinden zu wollen. Der Flug seit Teil einer „klaren Agenda zur ethnischen Säuberung der Palästinenser aus Gaza und dem Westjordanland“, schrieb er auf X. Eine Reaktion Israels darauf gibt es bislang nicht.
Südafriaks Regierung steht unter dem Druck der lautstarken pro-palästinensischen Lobby im Land, allen voran der größten Hilfsorganisation im Land, Gift of the Givers, die auch in Gaza tätig ist. Auch deren Gründer Imtiaz Sooliman, der zunehmend mit politischem Aktivismus auffällt, sagte, es handele sich um Zwangsmigration, die Verzweiflung der Menschen sei zudem finanziell von „israelischen Fassadenorganisationen“ ausgenutzt worden.
Gift of the Givers hat die Unterkunft und Kleidung für die Flüchtlinge aus Gaza arrangiert, spontan, wie die Organisation sagt. Luay lebt mit seiner Familie vorerst in Roshnee, einer Kleinstadt südlich von Johannesburg. Ob er Asyl beantragen wird, das weiß er noch nicht. „Wir haben jetzt 90 Tage Zeit, so lange ist das Visum gültig“, sagt er. „Wir prüfen die Lage.“
Aber eines Tages werde er nach Gaza zurückkehren. Das stehe für ihn fest.