Christian Putsch

Der Mann hinter Trumps Nigeria-Drohung

Christian Putsch
Der Mann hinter Trumps Nigeria-Drohung

Ein weitgehend unbekannter Pastor aus dem nigerianischen Plateau-Staat hat mit Videos von Beerdigungen getöteter Christen Millionen bewegt – offenbar auch Donald Trump. Der US-Präsident drohte Nigeria nun mit einem Militärschlag, sollte die Regierung nicht gegen die Tötung von Christen vorgehen. Dahinter steht ein komplexer Konflikt, der seit Jahren eskaliert


Der Pastor, der Donald Trump wohl zur Drohung eines Militärschlags in Nigeria bewegt hat, weinte, als er am Samstag von der Verlautbarung des US-Präsidenten hörte. „Ich war gerade auf dem Weg zu einem Gottesdienst in der Hauptstadt Abuja, wo ich von den Morden an Christen in meiner Region berichten wollte“, sagt Ezekiel Dachomo am Telefon, „ich hatte Tränen in den Augen. Und ich war sehr aufgeregt.“ Er habe seitdem endlich „ein wenig Hoffnung“.
Seit Jahren dokumentiert Dachomo, 63, Verbrechen an Christen in Nigeria, vor allem in dem Bundesstaat Plateau State, in dem er lebt – dort finde ein Genozid statt, sagt er. Nigeria ist mit 232 Millionen Einwohnern das mit Abstand einwohnerstärkste Land Afrikas, mit etwa gleich großen christlichen und muslimischen Bevölkerungsanteilen. Plateau State liegt im Middle Belt, dem Mittelgürtel, in dem der christlich geprägte Süden in den muslimischen Norden übergeht. Es ist das Zentrum der Gewalt.
Die in den USA einflussreiche christliche Organisation „Open Doors“ verzeichnete im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 4118 Christen, die wegen ihrer Religion getötet worden seien. Es handele sich um den „gewalttätigsten Ort der Welt für Anhänger Jesu“. Die Zahlenlage ist unklar, weil staatliche Erfassungen lückenhaft sind. Nigerias Regierung weist eine gezielte Verfolgung und den Vorwurf eines Genozids entschieden zurück.
In den sozialen Medien folgen dem evangelikalen Pastor Dachomo zwar Tausende, er gehört aber in diesem Land der Mega-Kirchen keineswegs zu den bekanntesten Predigern. In den vergangenen Wochen aber wurde er bei besonders eindringlichen Appellen bei Massenbeerdigungen gefilmt: „Bitte sagt Trump, er soll unser Leben in Nigeria retten.“ Die Videos gingen viral wie bislang keines zu derartigen Vorgängen in Nigeria, auch christliche Medien in den USA berichteten. In evangelikalen Kreisen, einem wichtigen Pfeiler der Trump-Basis, wurde das Thema vehement diskutiert.
Es spricht also einiges dafür, dass auch Trump das Video gesehen hat. Falls die nigerianische Regierung nicht gegen das „Töten von Christen“ durch „islamistische Terroristen“ vorgehe, werde die US-Regierung sämtliche Hilfen für das afrikanische Land sofort einstellen und könnte „mit feuernden Gewehren“ einmarschieren, schrieb Trump am Samstag in seinem Onlinedienst Truth Social. „Ich weise das Kriegsministerium hiermit an, einen möglichen Einsatz vorzubereiten“, ergänzte der US-Präsident. Nigerias Regierung solle „besser schnell handeln“.
Anders als für die weißen Farmer in Südafrika, denen er ohne faktische Grundlage bekanntlich ein ähnliches Schicksal wie den Christen in Nigeria bescheinigte, versah Trump seine Verlautbarung wenig überraschend nicht mit einem Fluchtprogramm in den USA. Pastor Dachomo ist Trump dennoch dankbar. „Ich weiß nicht, ob Trump wegen mir reagiert hat, mich hat niemand kontaktiert“, sagt der Nigerianer, „aber es ist gut, dass er es getan hat. Seitdem gibt es große Unruhe bei denen, die es sich zum Ziel gemacht haben, die Christen auszulöschen.“ Es gebe nun mehr Widerstand. Und mehr Druck auf seine Regierung, der er Komplizenschaft vorwirft.
Erst am Donnerstag hatte Außenminister Yusuf Tuggar die Rede von einem „Genozid“ als eine „immer wieder erzählte Lüge“ bezeichnet. Die nigerianische Verfassung garantiere eine staatliche Ordnung ohne religiöse Bevorzugung. Die Darstellung des Konflikts als einfacher Gegensatz von „Verfolgern“ und „Opfern“ blende die komplexen historischen, kulturellen und sozioökonomischen Ursachen der Gewalt aus, so der Minister. Dieses Narrativ wird er vermutlich auch an diesem Dienstag in Berlin erzählen, falls er bei seinem Treffen mit dem deutschen Außenminister Johann Wadephul (Christlich Demokratische Union) auf das Thema angesprochen werden sollte. Tuggars Sprecher war für am Montag für dieses Medium nicht erreichbar.
Pastor Dachomo widerspricht Tuggars Worten jedenfalls entschieden. Seinen Angaben zufolge gab es allein in diesem Jahr über 7000 getötete Christen in Nigeria. Zwar würden auch muslimische Dörfer immer wieder Opfer der Banden, die mehrere Bundesstaaten in der Region terrorisieren. „Aber wenn Christen angegriffen werden, dann reagieren Armee und Polizei meist nie – oder ziehen sich sofort zurück und lassen die Menschen schutzlos zurück“, sagt der Kirchenmann, „und wenn die Armee angeblich gegen diese Islamisten vorgeht, dann sind die Täter unauffindbar.“
Er ist davon überzeugt, dass die Islamisten aus Sicherheitskreisen gewarnt werden, die Armee sogar von Islamisten unterwandert sei – ein Gerücht, das man in Nigeria immer mal wieder hört. Im Rahmen von Aussteigerprogrammen wurden ehemalige Kämpfer der Boko-Haram-Miliz zwar nicht in die Armee, aber doch vereinzelt in staatlich unterstützte Bürgerwehren CJTF integriert – ein höchst umstrittenes Vorgehen. Dass der muslimische Präsident Bola Tinubu – entgegen der in Nigerias Bundespolitik lange üblichen religiösen Ausgleichslogik – keinen Christen zum Vize ernannte, sondern einen Muslim, verstärkt Dachomos Misstrauen zusätzlich.
Auch Nigerias ehemaliger Jugendminister Solomon SelKap Dalung sagt am Telefon, die Lage verschärfe sich seit mehr als zwei Jahrzehnten. Er beschreibt eine Verschiebung von anderen Faktoren, die neben der Religion eine Rolle spielen: Schon früher habe es Landkonflikte zwischen ortsansässigen und zumeist christlichen Bauern und nomadischen Viehhirten muslimischen Glaubens gegeben, in denen Entschädigungsregeln und Dorfautoritäten noch griffen. „Heute sind es bewaffnete Gruppen, die nicht nur töten, sondern bleiben. Sie nehmen Dörfer ein.“ Der religiöse Faktor werde dabei immer dominanter.
Ein wichtiger Hintergrund sei auch der freie Viehverkehr in der westafrikanischen Region. Ein seit Ende der 1990er-Jahre bestehendes Abkommen erlaubt Hirten und Herden das grenzüberschreitende Wandern ohne strikte Kontrollen zu den Nachbargruppen. Für mobile, schwer bewaffnete Gruppen, die oft ganze Herden stehlen, schafft das Rückzugsräume. Die Grenzen zu Niger, Tschad und Kamerun verlaufen über dünn besiedelte Gebiete. Für eine Armee, die ohnehin überlastet ist, wird Territorialkontrolle dort zur Illusion.
Vor diesem Hintergrund wirkt Trumps Ankündigung, „möglicherweise“ Luftschläge anzuordnen, wenig erfolgsversprechend. Und auch wenig ernst gemeint. Es geht dem US-Präsidenten wohl vor allem darum, den Druck auf Nigeria zu erhöhen – und nebenbei bei seiner Parteibasis zu punkten. Die USA haben in Nigeria großen Einfluss, sie unterstützen das Land im großen Stil im Kampf gegen Boko Haram. Nigeria gilt als zentraler Partner in Westafrika, besonders nach dem Abzug der US-Truppen aus Niger im vergangenen Jahr.
Erst im August hatten die USA Waffen- und Munitionsverkäufe in Höhe von 346 Millionen Dollar an Nigeria genehmigt. Wohl auch reagierte Nigerias Regierung auf Trumps unverhohlene Drohung eher zurückhaltend mit einem Verweis auf die „Souveränität“ Nigerias. Das Außenministerium erklärte zudem, Sicherheitskooperationen seien grundsätzlich willkommen, aber nur „in Abstimmung mit nigerianischen Stellen“.
Für die Dorfgemeinschaften im Plateau spielt internationale Strategie nur eine entfernte Rolle. Entscheidend ist, ob Angriffe verhindert werden, bevor sie stattfinden. Und dass die Muslime und Christen in der Region friedlich zusammenleben. „Die Menschen wollen nicht Rache“, sagt er, „aber es besteht das Risiko, dass es irgendwann verstärkt zu Verbrechen der Vergeltung kommt, wenn nichts getan wird.“
Dann muss er das Telefonat beenden. Er sei auf dem Weg in ein Dorf, das erst vor kurzem angegriffen worden sei. Es habe dort mal wieder Dutzende Tote gegeben.