Wie Trump weiße Farmer in Südafrika ruiniert

Monatelang spielte sich Donald Trump als Retter der südafrikanischen Buren auf. Nun werden ausgerechnet die weißen Landwirte von seinen neuen Zöllen besonders hart getroffen. In der Kleinstadt Citrusdal hatten sie voll auf den US-Export gesetzt – und fürchten nun um ihre Existenz. Ein Besuch
Der Farmer ist übermdet, als er bei einem Filterkaffee zum Gespräch bittet. Bis spät in die Nacht hat JJ Rosenleft am Vortag gearbeitet. Kartons voller Orangen wurden gestapelt, etikettiert, auf Lastwagen verladen. Es war der letzte Tag, an dem seine Waren zu den aktuellen Zöllen in die USA verschifft werden können – 10 Prozent. Ab dem 1. August werden 30 Prozent für die meisten südafrikanischen Produkte fällig, einer der höchsten Sätze für den US-Markt weltweit. Es ist der Stichtag, ab dem die Kleinstadt Citrusdal um ihre Zukunft kämpft. Jede Minute davor zählt.
Citrusdal lebt vom Export. Seine Farmen in einem abgeschiedenen Tal am Westkap produzieren mehrheitlich für Übersee – ein Drittel der Kisten geht nach Amerika, für das sie hier eigene Sorten anpflanzen. Die milden Winter, das klare Wasser aus den Bergen, die Erfahrung von Generationen: All das macht den Ort zu einem Zentrum der Zitruswirtschaft, in der Südafrika der weltweit zweitgrößte Produzent nach Spanien ist.
Und zu einem Ort, in dem nun ausgerechnet die Existenz der Volksgruppe auf dem Spiel steht, als deren Retter sich US-Präsident Donald Trump zuletzt aufspielte. Die der weißen Farmer, der Buren, denen er wegen diskriminierender Gesetze Asyl angeboten hat, und die er fälschlicherweise als Opfer eines Genozids bezeichnete. Einige Dutzende der Nachfahren früher europäischer Siedler sind im April in die USA geflogen worden. Über 67.000 haben Interesse bekundet.
Auch fast alle Farmer in Citrusdal sind Buren, darunter Rosenleft, der Manager der Bergendal-Farm, mit 700 Angestellten einer der größten Arbeitgeber der Stadt. „Wenn die Zölle bis ins nächste Jahr fortbestehen, rechnen wir mit bis zu 800 Millionen Rand Verlust für unseren Ort“, sagt Rosenleft – das wären rund 40 Millionen Euro, knapp die Hälfte des US-Geschäfts. „Das sind 20 bis 25 Prozent weniger Einnahmen für Citrusdal. So viel lässt sich nicht einfach auffangen.“
Citrusdal ist kein Ort mit vielen Alternativen. Fast 80 Prozent der Menschen leben von der Landwirtschaft. „Wenn wir Kapazitäten abbauen müssen, leidet die ganze Region“, sagt Rosenleft. „Und irgendwann auch die Sicherheit.“ Die Wut der entlassenen Arbeiter werde sich nicht gegen Trumps Zielscheibe richten – die größte Regierungspartei, den African National Congress (ANC): “Sie werden die Schuld bei dem Farmer suchen, der sie entlässt.”
Als Trump sein Asylprogramm startete, winkte Rosenleft ab. Er hat eine gesicherte Existenz in Citrusdal, auch seine Frau arbeitet als Buchhälterin in dem Betrieb. Aber auch er benutzt das Wort des Genozids mit Bezug auf die hohe Kriminalität gegen weiße Farmer. Und er verweist darauf, dass viele Farmen staatliche Leistungen übernehmen, indem sie Schulen, Kindergärten und Suppenküchen werden von den Farmen mitinanzierten. In Südafrika muss sich etwas ändern, soweit stimmt er mit Trump überein.
Mit Schuldzuweisungen in Richtung ANC und seine umstrittenen rassenbasierten Gesetze ist er dennoch vorsichtig. Trump sei nun einmal unberechenbar, sagt er nur. Aber es sei schon ironisch, dass dieser jetzt seine Volksgruppe mit besonderer Wucht treffe. “Am Ende des Tages trifft es die Farmer härter als große Unternehmen wie Mercedes, die hier für den US-Markt produzieren”, sagt Rosenleft, “die haben die Schichten auch runtergefahren, aber sie haben viele Abläufe automatisiert.”
In Citrusdal werde jeder fünfte Job verloren gehen, weil man mit niedriger besteuerten Konkurrenten in Lateinamerika nicht mehr konkurrieren könne, glaubt der Farmer. Das betreffe alle Gesellschaftsschichten. Die meisten Arbeiter sind farbig, auch aus Lesotho kommen Saisonarbeiter für die Ernte. Die Situation treffe letztlich alle Ethnien, sagt Rosenleft. “Trump wird es als Erfolg ansehen, wenn er die südafrikanische Wirtschaft zerstört und für weitere ökonomische Flüchtlinge sorgt.” Schon jetzt ist jeder dritte Südafrikaner arbeitslos – eine der höchsten Quoten der Welt.
Sein Betrieb ist vergleichsweise breit aufgestellt, produziert auch für Europa und den südafrikanischen Markt. Doch andere Farmen in Citrusdal bauen ausschließlich Organgensorten an, die speziell in den USA nachgefragt werden – ermutigt von dem Freihandelsabkommen AGOA, das bis Februar eine Zollbefreiung für die meisten afrikanischen Exporte in die USA vorsah. “Die können nicht so einfach umsatteln”, sagt Rosenleft. China sei generell ein komplizierter Markt und zusätzliche Exporte nach Europa würden den Marktpreis kaputt machen. Es gebe nur eine Lösung: Südafrikas Regierung müsse alles tun, um den Zollsatz zu senken.
Und so sitzt einige Straßen weiter ein Politiker im Rathaus, der seit Tagen keine Nacht mehr durchgeschlafen hat. Azrial Scheepers, 36, wurde erst Mitte Juli ins Amt des Bürgermeister der Gemeinde gewählt, nur wenige Tage, nachdem Trump die hohen Zölle für Südafrika verkündete. Seitdem steht sein Telefon nicht mehr still, die Farmer wollen ein Treffen mit dem Handelsminister. “Wir sind beide im ANC, deshalb haben sie große Hoffnung. Sie sprechen mich auf der Straße an, schicken Whatsapp”, sagt Scheepers, “ich hake jeden Tag nach, heute habe ich um 6 Uhr morgens eine Nachricht an das Büro des Ministers geschickt. Aber bislang bestätigen sie nur, dass sie unseren Brief erhalten haben.”
Die Zölle würden nicht nur die weißen Farmer treffen, er fürchtet auch um die ohnehin knappen Einnahmen der Gemeinde. “Ohne Job können die Menschen ihre Abgaben für Wasser oder die Müllabfuhr nicht mehr bezahlen.” Auch seine eigene Nachbarschaft werde leiden – er wuchs auf einer der ersten Farmen auf, die einst im Rahmen einer Landreform an Farbige übergeben wurde.
Zur Politik seines ANC will sich der treue Parteisoldat nicht äußern, es wäre wohl das Ende der politischen Karriere des studierten Lehrers – “dafür habe ich nicht das Mandat – und ich weiß ja nicht, was passiert ist”. Seine Lösung: Subventionen. Die von Jahrzehnten der ANC-Korruption ausgehöhlten Staatskassen sollen also die enormen Einkommensverluste ausgleichen. Die ohnehin bedrohlich angestiegene Verschuldung des Landes würde weiter ansteigen.
Dass Südafrika bei den diplomatischen Verhandlungen mit den USA bei den umstritten rassenbasierten Gesetzen nicht einmal symbolische Zugeständnisse gemacht hat, sieht er nicht weiter kritisch: Man dürfe bei Bullies nun mal nicht nachgeben, sagt er. Bei den Gemeindewahlen im nächsten Jahr werde das Stimmen kosten. Aber auch er wiederholt Rosenlefts Worte: “Die entlassenen Farmer werden die Schuld eher bei den Farmern suchen”, sagt er. Und lacht verlegen.
In Riverview, dem Township am Rand der Stadt, bereitet sich auch Maryke September auf schwere Zeiten vor. Die 41-Jährige leitet zwischen Blechhütten die Kindertagesstätte „Ubuntu“, in der 30 Kinder betreut werden – fast alle aus Familien von Saisonarbeitern. „Wenn die Eltern ihre Jobs verlieren, können sie auch uns nicht mehr bezahlen“, sagt sie. Schon jetzt sei es ein ständiger Kampf, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Einige Farmer spenden, auch das würde wohl wegfallen.
Ihr Mann arbeitet als Gabelstaplerfahrer in einem der Packhäuser, schob wegen des Stichtages für die US-Zölle Sonderschichten. „Nur wenige hier verstehen bislang genau, was das mit den Zöllen für sie bedeutet “, sagt September. „aber sie sie spüren, dass etwas im Busch ist, es wird immer mehr darüber gesprochen.“
Wenn der US-Markt wegbreche, werde es eng – auch für Einrichtungen wie ihre. „Wir beten jeden Abend, dass wir die Türen offenhalten können.“
Eine andere Hoffnung hat sie nicht.




