Christian Putsch

Unterwegs mit Afrikas mutigsten Geparden-Ermittlern

Christian Putsch
Unterwegs mit Afrikas mutigsten Geparden-Ermittlern

Jährlich werden Hunderte Geparden aus Ostafrika in die Golfstaaten geschmuggelt – als Haustiere. Ermittler in Somaliland riskieren ihr Leben, um die Täter hinter Gittern zu bekommen

 

Der Mann stand auf einer staubigen Straße der Stadt Las Anod im Osten Somalilands, zwei Gepardenjungen im Kofferraum, eine Pistole in der Hand. „Wenn ihr die Tiere holt, bedeutet das euren Tod“, rief er, die Waffe auf die Einsatzkräfte gerichtet. Musa Said, der Tierarzt und Wildtierermittler, flehte: „Schieß’ nicht, wir haben Familien.“

Der Wilderer zögerte. Er war ein Mittelsmann, hatte umgerechnet weniger als 50 Euro pro Junges an Viehnomaden bezahlt, die beide frisch geborenen Geparden im Busch gefangen hatten. In Somaliland ist das ein durchschnittliches Monatsgehalt. Wenn er es schaffen würde, die Tiere über den Jemen in Golfstaaten wie Saudi-Arabien zu bringen, dann würde ein Preis von 15.000 Euro locken. Das 300-Fache. Dort sind sie als Haustiere begehrt, als lebende Statusobjekte der Elite. Entsprechend floriert in Somaliland das Schmuggelgeschäft, das zu einem der lukrativsten am Horn von Afrika geworden ist.

Die Waffe blieb auf die von Polizisten begleiteten Ermittler gerichtet. Dann griff einer der Polizist beherzt zu, verdrehte dem überraschten Mann den Arm auf dem Rücken, warf ihn zu Boden. Ohne zu zögern griff Tierarzt Said nach den Geparden. Es blieb keine Zeit, den eigenen Schock zu verarbeiten, er konzentrierte sich auf das Überleben der Tiere. Zu Einsätzen wie diesem nimmt sein Team nicht nur Sicherheitskräfte, sondern auch reichlich Ausrüstung mit: angereicherte Flüssigkeiten, Medizin, artgerechtes Futter.

Sechs Jahre später sitzt Said, 32, in einem kargen Konferenzraum des Umweltministeriums in Hargeisa. Seine Stimme wird leise, als er von der dramatischsten Konfrontation seiner Karriere erzählt. Beinahe wären die Kinder ohne ihren Vater aufgewachsen. Einen Jobwechsel aber hat er nie in Betracht gezogen. „Diese Tiere sind das Risiko wert”, sagt er. Dutzende Geparden haben er und seine Kollegen im Laufe der Jahre gerettet. Mit jedem Tier schwächt er das schmutzige Geschäft

Der illegale Handel mit Geparden aus der Region hat längst industrielle Züge angenommen. In Somalia, im Osten Äthiopiens und in Somaliland fangen Wilderer die Jungtiere, meist, wenn die Mutter auf Beutesuche ist. Oft verkaufen die Jäger gleich mehrere zusammen für einen Pauschalbetrag. Gefangen werden sie auch in Somalia oder der Somali-Region Äthiopiens. Der Schmuggel über die Grenze nach Somaliland ist leicht, denn die Grenzkontrollen gelten als schwach. „Das macht es den Schmugglern einfach“, sagt der Tierarzt.

Dann beginnt die Reise in die arabische Welt: versteckt in Autos, später auf Booten über den Golf von Aden, Richtung Saudi-Arabien, Kuwait oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort gelten die Wildkatzen als exotische Trophäen, zur Schau gestellt von Scheichs, Millionären und Influencern auf Instagram, Snapchat oder TikTok. (Link einfügen: https://www.youtube.com/shorts/L2mjW6mW44o) Die Tiere symbolisieren Macht und Reichtum für ihre Besitzer – und zahlen dafür oft mit ihrem Leben. Die meisten in Privathaltung sterben binnen weniger Jahre an Krankheiten oder Fehlfütterung.

Zwar haben die meisten Golfstaaten den Besitz von Wildtieren verboten, doch strafverfolgt wird dieser nur selten. Und so geht der Handel weiter. Fast 70 Prozent der Geschäfte laufen über Plattformen wie Instagram, Snapchat oder WhatsApp. NGOs fordern seit Jahren schärfere Kontrollen. Vorerst bleibt der illegale Handel ein gutes Geschäft.

Die Behörden von Somaliland versuchen zumindest gegenzusteuern. Mit Razzien, neuen Gesetzen. Dabei sind die Ressourcen begrenzt. Das international nicht anerkannte Somaliland ist weit sicherer als das vom Terrorismus zersetzte Somalia, zu dem die de facto unabhängige Region völkerrechtlich gehört – verwendet aber 60 Prozent des Regierungsbudgets für Armee und Polizei. Der Schutz von Geparden steht da nicht gerade an der Spitze der Prioritätenliste.

Umso bemerkenswerter ist die Arbeit von Ermittlern wie Said. Die meisten Hinweise auf Schmuggler stammen von der lokalen Bevölkerung, erzählt er. Wenn jemand etwas Verdächtiges bemerkt, schlagen die Dorfbewohner Alarm. Ein Einsatzteam aus Ministeriumsvertretern und Polizei fährt dann zum gemeldeten Ort, um die Verdächtigen und oft auch deren Waffen festzusetzen. „Nur bei etwa jedem dritten Alarm gelingt es uns, einen Schmuggler zu fassen“, räumt er ein.

Über zerklüftete Pfade, eine Stunde außerhalb der Hauptstadt Hargeisa, erreicht man den Zufluchtsort für die geretteten Tiere. Somalilands Regierung hat hier der Tierschutzorganisation „Cheetah Conservation Fund” (CCF) ein Areal mit der Größe einer Kleinstadt für ein Rettungszentrum zur Verfügung gestellt. Über hundert Geparden leben dort inzwischen, aufgepeppelt von 20 Mitarbeitern, viele davon qualifizierte Tierärzte aus aller Welt.

Chris Wade, der CCF-Landesdirektor, wartet lächelnd am Eingang des Zentrums, hinter dem Gebäude erstrecken sich die Gehege kilometerweit. Der 60 Jahre alte Australier mit einer Vorliebe für trockenen Humor und komplizierte Posten, leitet die Station seit gut anderthalb Jahren. Es ist ein ruhiger Tag. Die letzte Konfiszierung ist schon einige Monate her, der Gesundheitszustand der geretteten Geparden stabil. „Ich erzähle Dir alles bei einem Kaffee”, sagt er.

In diesem Zentrum geht es um nicht weniger als die Rettung einer ganzen Tierart. Weltweit gibt es nur noch rund 7000 Geparden, ihre Population ist in den vergangenen 100 Jahren um 90 Prozent geschrumpft. Die Welttierschutzorganisation IUCN stuft sie dennoch lediglich als „gefährdet” ein. „Das ist die falsche Kategorie, sie sind längst unmittelbar vom Aussterben bedroht.” Er hofft, dass die IUCN die Geparden bald auf diese höchste Stufe setzt – „das ist überfällig.”

Drei Türen von seinem Büro entfernt ist die Intensivstation des Zentrums. Hier erholen sich die Jungtiere, liegen nach dem Mittagessen zufrieden auf dem Boden. Die meisten kommen dehydriert und traumatisiert an, nach zwei Tagen ist die Sterblichkeit am höchsten, „wenn das Adrenalin weg ist”, sagt Wade, „wir haben im Laufe der Jahre viel gelernt, tauschen uns mit Experten aus allen Teilen der Welt aus.” Früher überlebte nach derartigen Rettungen nicht einmal jedes dritte der Tiere. Inzwischen sind es 80 Prozent.

Plötzlich klingelt das Telefon. Eine Schlange, in der Küche, vermeldet eine Mitarbeiterin. Wade geht schnellen Schrittes zu dem benachbarten Gebäude, greift in einem Schuppen hektisch nach Schlangenzange und Haken. Eine Mitarbeiterin zerrt eine leere Mülltonne ran. „Das kommt alle paar Wochen mal vor”, sagt er atemlos, „aber der Puls geht immer noch ganz schön nach oben.” Formell gelernt hat er den Fang von Reptilien nie, aber er arbeitet seit vielen Jahren in derartigen Jobs, auch in Uganda und Sambia: „Man kriegt das dann irgendwie hin.”

In der Küche ruft Wade nur: „Jip, eine Kobra.” Hinter einer Palette hat sich tatsächlich eine Speikobra versteckt, ihr Giftstrahl trifft aus bis zu zwei Metern Entfernung, der Biss kann unbehandelt tödlich wirken. Vorsichtig greift er mit der Schlangenzange zu, zieht sie geübt nach oben in die Tonne, deren Klappe seine Kollegin krachend schließt. 20 Minuten später haben sie das Tier in der Wildnis ausgesetzt – und der Fokus gilt wieder den Geparden.

Sie bieten kompliziertere Baustellen. Eine Aussetzung in die freie Natur ist schwierig. Mit einem Geländewagen fährt Wade die umzäunten Gehege ab. Einige sind groß genug, dass die schnellsten Landtiere der Welt ihre Spitzengeschwindigkeit von 120 Kilometern erreichen können. Bald soll das Areal auf die Fläche einer Kleinstadt vergrößert werden – doch schon jetzt ist der Fortschritt beachtlich. Bis die Regierung das Gelände vor zwei Jahren zur Verfügung stellte, wurden die geretteten Geparden auf dem Grundstück eines umfunktionierten Hauses Rande der Hauptstadt Hargeisa gehalten. „Das erforderte Improvisationstalent”, sagt Wade.

Es bleibt ein zähes Unterfangen. Zwischenfälle mit Menschen sind äußerst selten, aber große Lobby genießen die Geparden in Somaliland dennoch nicht. „Geparden sind nicht gefährlich, aber man nimmt sie hier als Störenfriede wahr, weil sie die Ziegen der Viehzüchter reißen”, sagt Wade. Eine einzige Rettung kostet bis zu 5000 Dollar, von denen die spendenfinanzierte CCF das Gros bezahlt – wie auch für die Kampagnen im Radio, die auf die Bedrohung der Tierart durch Schmuggel aufmerksam machen.

Allein für die Ziegen, mit denen die Tiere gefüttert werden, gibt CCF monatlich rund 9000 Dollar aus. Neulich wurde Wade von dem in der Nähe wohnende Ex-Präsident Somalilands angesprochen. „Gebt das Geld doch lieber den Menschen hier.” Der Politiker gilt als großer Freund des Naturschutzes – seine Bemerkung aber war angesichts der weit verbreiteten Armut in Somaliland nur halb im Scherz gemeint.

Schätzungen zufolge werden jährlich rund 300 Geparden durch Somaliland geschmuggelt. Immerhin gibt es etwas Hoffnung, die Zahl der Beschlagnahmungen war in den vergangenen Jahren leicht rückläufig. Sechzehn waren es im Vorjahr, sechs bislang in diesem. Vielleicht nur eine Momentaufnahme. Vielleicht aber auch der Anfang eines Trends.

Doch es bleibt reichlich Arbeit, bei der Justiz etwa. Es gab in den vergangenen Jahren zahlreiche Festnahmen, teils auch mehrjährige Gefängnisstrafen. Aber weit mehr Fälle, in denen die Täter schnell freikamen oder erst gar nicht gefasst wurden. Für illegalen Handel mit Wildtieren drohen bis zu drei Jahren Haft. „Dieses Strafmaß wird manchmal angewendet, aber weit öfter kommen die Täter mit deutlich weniger oder sogar nur einer Geldstrafe davon”, sagt Wade.

Manchmal hängt das Strafmaß schlicht davon ab, wer im Gericht gerade Dienst hat. Die Zahl der Strafverfolger und Richter, die speziell für Wildtiere ausgebildet sind, ist überschaubar in Somaliland.

Es gibt nur jeweils einen.