Migranten auf der Ostroute: „Saudi-Arabien ist unsere einzige Chance”

Sie schlafen in Hinterhöfen, arbeiten für ein paar Dollar auf den Feldern – und hoffen auf ein neues Leben jenseits des Roten Meeres. Immer mehr junge Männer aus Äthiopien ziehen zu Fuß durch Somaliland in Richtung Saudi-Arabien. Die wenig beachtete Ostroute ist längst zu einem der gefährlichsten Migrationskorridore Afrikas geworden
Jeden Nachmittag treffen sich die sechs jungen Männer im Hinterhof eines Restaurants. Einer arbeitet in der Küche, einer nebenan im Friseursalon, andere verdingen sich auf umliegenden Feldern als Tagelöhner. Ein Tee, Zigaretten, ein paar Worte Halt am Ende dieser endlosen Tage in sengender Hitze, während denen sie in der Hafenstadt Berbera an Somalilands Küste am Roten Meer festhängen.
In ihrer äthiopischen Heimat werden sie Qeerroo genannt, traditionell ein Wort für Unverheiratete, zunehmend aber ein Synonym für eine Generation der Hoffnungslosen. Ihre Oromio-Region ist einer der zahlreichen Konfliktherde in Afrikas zweitgrößtem Land (120 Millionen Einwohner). Die OLA-Miliz kämpft gegen die Zentralregierung, die sich weiter nördlich mit Milizen aus der Amhara-Region bekriegt. Inflation und Lebensmittelpreise sind hoch, die Aussicht auf Arbeit gering. Also liefen die Männer los. Zu Fuß – in Richtung eines besseren Lebens.
Die Männer sind auf einem zunehmend bedeutenden, aber international kaum beachteten Migrationspfad: der „Ostroute“ vom Osten Afrikas in Richtung Saudi-Arabien. Im vergangenen Jahr verließen fast 235.000 Äthiopier ihre Heimat in Richtung der Küste des Roten Meeres. Tendenz steigend.
Wer etwas Geld hat, der reist nach Dschibuti und überquert dort die Meerenge Bab al-Mandab zum Jemen. Tausende aber gehen weiter südlich Hunderte Kilometer zu Fuß, quer durch Somaliland, Puntland und – nach der Seeüberquerung – durch den Jemen nach Saudi-Arabien. Auf der Route 200 von Somalilands Hauptstadt Hargeisa in Richtung Berbera trifft man alle paar Minuten Gruppen von vier bis fünf Männern, die meist nicht mehr bei sich tragen als ein paar Plastiktüten. Beladen mit etwas Kleidung, Brot, Wasserflaschen.
Die ersten 150 Kilometer Fußmarsch haben die Männer im Hinterhof hinter sich, fast eine Woche hat er gedauert. Gespart hatten sie vor ihrer Reise lediglich die 200 Dollar, die Schlepper für die Grenzüberquerung nach Somaliland berechnen. Seitdem gehen sie, denn örtliche Fahrer verweigern ihnen die Mitnahme. Somalilands Behörden gehen rigoros gegen Menschenschmuggler vor, sie haben Dutzende inhaftiert und ihre Autos beschlagnahmt.
Die Transitmigranten aber werden geduldet. Die Regierung hat zuletzt sogar Gesprächsbereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Gaza signalisiert, falls die USA und Israel tatsächlich entsprechende Umsiedlungspläne haben sollten, über die die Nachrichtenagentur „AP” berichtet hatte. Im Gegenzug erhofft sich die de facto vom Somalia unabhängige Region die staatliche Anerkennung.
Auch bei den örtlichen Farmern sind die äthiopischen Migranten beliebt. Umgerechnet 60 Euro beträgt das Honorar. Ein Landwirt erzählt, dass er ohne sie kaum Arbeitskräfte finden würde. Internationale Hilfsorganisationen würden in seiner Gegend mit bedingungslosen Bargeldzahlungen an die örtliche Bevölkerung zur Ankurbelung der Landwirtschaft experimentieren. Mit gegenteiligem Effekt, sagt der Bauer: „Die nehmen das Geld und versuchen ihr Glück in der Stadt – ohne die Äthiopier hätte ich große Probleme.”
Aber sobald die Männer genug Geld für die Weiterreise haben, ziehen sie weiter. So wird es auch bei den Männern im Hinterhof sein. Ein wenig zögerlich erklärt sich Nasrudiin Abdulqadir, weißes T-Shirt, dünner Oberlippenbart, zum Interview bereit. „Die Behörden lassen uns in Ruhe, aber sie helfen uns auch nicht”, sagt Abdulqadir, 22. Seine Reise könne zwei bis drei Jahre dauern – „es wird so lange dauern, wie es eben dauert.”
Er und seine Freunde haben alle möglichen Ziele durchgespielt. Südafrika etwa, die stärkste Volkswirtschaft auf dem eigenen Kontinent – aber die Reise ist teurer, immer wieder ersticken Dutzende in den LKWs der Schleuser. Einige überlegten, ob sie Europa via Libyen versuchen sollten. Doch schon bei einem reibungslosen Verlauf kostet die Reise ein Vielfaches, ein Bekannter war in Libyen zudem entführt worden – und erst gegen eine Zahlung der Familie von 14.000 Dollar freigekommen. Zudem sei das Risiko größer, abgefangen zu werden.
Diese Gefahr aber besteht auch zunehmend in Saudi-Arabien. Dort gehen die Behörden zunehmend rigoros gegen illegale Einwanderer vor. Im vergangenen Jahr wurden von dort 143.000 Menschen ausgewiesen, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die Mehrheit (93.000) der Migranten waren Äthiopier, von denen noch immer über eine halbe Million in dem Golfstaat arbeiten. Die Entwicklung, so berichtet ein in Ostafrika stationierter europäischer Diplomat, werde von der Regierung in Dschibuti mit größter Sorge beobachtet. „Wenn Saudi-Arabien die Pforten völlig dicht macht, dann stranden Hunderttausende in diesem kleinen Transitland.”
Die Gefahr der Abschiebung akzeptiert Abdulqadir, wie auch die Gefahren der Reise. Die Meldungen vom Roten Meer ähneln den Horrormeldungen der Mittelmeerrouten. Im vergangenen Jahr kamen 558 Menschen auf der Ostroute ums Leben, 80 Prozent davon ertranken bei den Überfahrten vom Horn von Afrika nach Jemen, bei denen die maroden Schiffe immer wieder kentern.
Doch schon in der Nähe von Berbera lauern Gefahren. Dort nennen sie eine Ortschaft nur noch „Hyänen-Dorf”, seit Hyänen dort zwei Migranten getötet haben. Eine Anwohnerin erzählt, dass die Männer wegen der Hitze in der Nacht gewandert seien. „So etwas passiert nicht bei Leuten, die hier leben”, sagt sie, „aber wir würden uns auch nachts nie ohne Taschenlampe oder Schlagstöcke bewegen.”
Generell würden die Menschen die Migranten mit Wasser und Brot versorgen. Aber weil es immer mehr würden, sei nicht mehr genug für alle da. Einige Dorfbewohner würden Hilfe auch zunehmend verweigern, nachdem einige Äthiopier aggressiv geworden seien.
Wegen ihrer Erschöpfung seien die Männer wahrscheinlich leichte Beute für die Hyänen gewesen.
„Manchmal sind die äthiopischen Migranten hier völlig orientierungslos”, erzählt der Fahrer eines Wassertransporters, der gerade am Straßenrand Pause macht. Sie würden sich mitten in der Steppe hinlegen und ihre Schuhe vor dem Schlafengehen in die Marschrichtung platzieren, damit sie am nächsten Morgen nicht in die Richtung zurücklaufen, aus der sie gekommen sind. Einige örtliche Farmer würden sich einen Spaß daraus machen, die Schuhe absichtlich in die falsche Richtung zu schieben. Angesichts von Temperaturen bis zu 45 Grad ein lebensgefährlicher Scherz.
In einer abgelegenen Ecke eines Hotels in Hargeisa sitzt ein kräftiger Mann auf einem Kunstledersofa, der jahrelang mit der Hoffnung der Migranten glänzend verdient hat. Er stellt sich als Ahmed vor und sagt gleich mit dazu, dass es sich um einen falschen Namen handelt. Rund 200 gut betuchten Kunden verschaffte er im Jemen bis zum Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2014 für jeweils 12.000 Dollar einen italienischen Pass, der dank einiger korrupter Kontakte für einige Tage im System der Behörden registriert geworden sei. „Zeit genug, um dann beim Transit in England oder Deutschland Asyl zu beantragen”, sagt er. Weniger zahlungskräftige Kundschaft schickte der Jemenit durch die Wüste des Sudans nach Libyen. 3000 Dollar habe er damals verdient. Am Tag.
Jetzt sind es 600. Im Monat. Der Schlepper hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen, behauptet er, er verdinge sich als Taxifahrer. Während seiner Zeit im Sudan, noch vor dem Bürgerkrieg dort, habe ihn ein ugandischer Konkurrent verdrängt – indem er den damaligen somalischen Botschafter bestochen habe. Der ließ danach seine Verbindungen zu Sudans Regierung spielen. Nur knapp entging er einer Verhaftung.
Vor allem aber hätten ihn die Gewissensbisse geplagt. Die Entführungen der Migranten in Libyen, aber auch die Toten auf dem Weg nach Italien. Entsprechend halte er sich auch aus dem Geschäft mit der Ostroute raus. Auch dort gibt es schließlich immer wieder Tote, vor allem wegen der zunehmend rigoros durchgreifenden Sicherheitskräfte Saudi-Arabiens. „Es kann eine Menge schief gehen”, sagt er, „ich habe ein Gewissen – und will kein Blut an meinen Händen haben.”
Restlos glaubwürdig klingt das nicht. Denn er weiß weiter glänzend über aktuelle Lücken im System Bescheid. Und fast nebenbei erwähnt er, dass er mit der Ostroute wohl nur einen Bruchteil seiner Einkünfte aus dem Libyen-Geschäft verdienen würde.
Die jungen Männer in Berbera kennen die Gefahren, über ihre Smartphones tauschen sie sich mit Migranten aus, die es bis in die Golfstaaten geschafft haben. Abhalten lassen sie sich davon nicht. „In Äthiopien gibt es für uns keine Zukunft”, sagt Abdulqadir, „Saudi-Arabien ist unsere einzige Chance. Umkehren kommt nicht in Frage.”




