Christian Putsch

Der Perückenaufstand von Dakar

Christian Putsch
Der Perückenaufstand von Dakar

Im Senegal versuchte ein Theaterdirektor seinen Mitarbeiterinnen die Frisur vorzuschreiben. Es folgte ein landesweiter Aufschrei der Empörung. Der Pan-Afrikanist traf die einzig richtige Entscheidung – und ruderte zurück

war wohl der kürzeste Kulturkampf der Geschichte: Am Montag verbot der Direktor von Senegals größtem Theater seinen Angestellten den Gebrauch von Perücken, Extensions und Hautaufhellern. Die Dienstanweisung von Serigne Fall Guèye erfolgte im Namen „pan-afrikanischer Werte“ und reihte sich damit in den Tenor der Kritiker ein, die in den oft mit glattem Haar produzierten Perücken Symbole von Schönheitsidealen aus anderen Teilen der Welt erkennen.

Aber es kommt halt nicht gut an, wenn eine solche Anweisung von einem Mann kommt, der Frauen erklären will, was afrikanische Schönheit bitte schön zu sein hat.  Und das in einem Land, in dem gerade einmal vier von 25 Regierungsmitgliedern weiblich sind. Präsident Diomaye Faye hatte im Wahlkampf eigentlich mehr Emanzipation versprochen. Danach löste er kurzerhand das Frauenministerium auf.

Auf die neue Verordnung folgte entsprechend ein kapitaler Shitstorm in den sozialen Medien. Besonders viel Beifall bekam Feministin Henriette Niang Kandé, die über den Direktor spöttelte: „Verbietet er Männern demnächst auch das Toupet. Oder falsche Hemdkragen, um den Hals zu strecken?“

Dabei ist Guèyes Reflex in mancherlei Hinsicht durchaus verständlich: Überteuerte Perücken aus indischem Tempelhaar und asiatische Extensions stehen in Westafrika für einen millionenschweren Industriezweig, der häufig eher Laufstege in Paris als die aufstrebende Modeszene des Kontinents im Blick hat. In der Elfenbeinküste verboten die Organisatoren eines Schönheitswettbewerbs in diesem Jahr kurzerhand deren Einsatz – was wiederum auf weite Zustimmung stieß.

Und dann ist da noch das Thema Hautaufheller. Die sind tatsächlich ein gesellschaftliches Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation werden die oft krebserregenden Präparate im Senegal von jeder zweiten Frau verwendet – in Nigeria sind es gar 77 Prozent. Sie greifen nicht nur die Haut an, argumentieren Pan-Afrikanisten wie Guèye. Sondern auch die Identität ganzer Generationen.

Aber wer glaubt, das ausgerechnet mit Verbotszetteln in Theatern ändern zu können, unterschätzt das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Frauen im Senegal. Kulturkämpfer Guèye verzichtete jedenfalls auf ausführliche Debatten – und kassierte die Anordnung stattdessen nach nicht einmal 24 Stunden kleinlaut wieder ein.