Christian Putsch

Sudans eingekesselte Stadt Al-Fascher: Belagert, vertrieben, vergessen

Christian Putsch
Sudans eingekesselte Stadt Al-Fascher: Belagert, vertrieben, vergessen

Ein Bewohner aus dem belagerten Al-Fascher berichtet über den wohl schlimmsten Schauplatz des Krieges im Sudan – der auch zunehmend Auswirkungen auf Europa hat

Als der Morgen über Al-Fascher dämmert, die Geschosse in der Nachbarschaft einschlagen, da kauert Mohammed Duda mit seiner Frau und den beiden Kindern wieder hinter einer brüchigen Mauer seines Hauses. Ein wenig Schutz, oder zumindest die Ilussion davon in einem Krieg, vor dem es keinen Schutz gibt. Fünf Brüder sind tot, Dutzende Freunde auch.

Zweimal muss Duda, 40, das Telefonat verschieben. “Die RSF greift an”, schreibt er beim ersten Mal auf WhatsApp, “ich melde, mich wenn die Situation ruhiger ist.” Später nur: “Drohnen am Himmel.” Alltag in Al-Fascher, der letzten Bastion der sudanesischen Armee in Darfur, einer rohstoffreichen Region im Westen des Sudans Seit über einem Jahr ist die Stadt eingeschlossen von den Truppen der rivalisierenden Rapid Support Forces (RSF). Fast jeden Tag Dauerbeschuss. Und Duda, 40 Jahre alt, ist einer von Hunderttausenden Zivilisten, die nicht entkommen können.

Was in Al-Fascher geschieht, ist Teil eines Krieges, der seit April 2023 den Sudan zerreißt – und die Weltöffentlichkeit kaum noch interessiert. Auf der einen Seite die reguläre Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan, auf der anderen die RSF von General Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti. Was als Machtkampf in Khartum begann, ist längst zum Stellvertreterkrieg geworden – zwischen Regionalmächten und globalen Interessen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gelten als wichtigste Unterstützer der RSF. Über Luftbrücken im Tschad und in Libyen liefern sie Waffen, Drohnen und Munition – mit dem Ziel, ihren Einfluss im Sahel und auf die sudanesischen Goldminen zu sichern. Die RSF wiederum betreibt Schmuggelnetzwerke bis nach Dubai. Gold aus Darfur, dessen Fläche größer als die von Deutschland ist, wird dort zu Kapital, das Hemeti in Kriegsgerät umwandelt. Die sudanesische Armee hingegen stützt sich auf Ägypten. Kairo fürchtet einen Zusammenbruch des Sudan, der neue Migrationswellen oder den Verlust des tradionell hohen Einflusses in seinem südlichen Nachbarland zur Folge hätte.

Duda war einmal Sprecher des Flüchtlingscamps Zamzam, ein Ingenieur, Freiwilliger, einer, der den Vertriebenen seiner Volksgruppe, der Massalit, eine Stimme geben wollte. Bis die RSF das Lager angriffen und Duda mit einer Schussverletzung im Bein und mit seiner Familie ins nahegelegene Al-Fascher floh.

Jetzt ist die Stadt seine Falle. Hunderttausende Menschen harren dort aus – eingekesselt, von Hunger, Krankheiten und den Artilleriegeschossen der RSF. „Wenn jemand verletzt wird, muss er Glück haben, einen der letzten zehn Ärzte zu finden“, sagt Duda. Die meisten Kliniken sind zerstört, Medikamente kaum noch erhältlich. Die Armee hat improvisierte Schutzräume eingerichtet, einige der leerstehenden Schulen etwa, oder Container. Viele aber fürchten selbst den Weg dorthin, graben Löcher auf ihren Gründstücken und suchen darin Zuflucht bei den RSF-Offensiven. Über 200 gab es davon seit April 2024.

Der Preis für ein Kilo Sorghum-Hirse? Zwanzig Mal höher als außerhalb Al-Faschers. Medizin auch. Todesmutige schaffen die Waren in die Stadt, verlassen sie in der Nacht und wandern in eine zehn Stunden Marsch entfernte Stadt. Wer durchkommt, kann auf dem Rückweg Lebensmittel einschmuggeln. Wer Pech hat, wird von der RSF gefasst, verschleppt, ermordet. Oder muss sich – im besten Fall – freikaufen.

Für Duda ist ein Verlassen von Al-Fascher  keine Option. Er ist als langjähriger Wortführer der Massalit zu bekannt, zu gefährdet. Geld fließt nur noch über Verwandte aus dem Ausland – über mobile Bezahldienste, beim Umtausch in Bargeld wird nur gut die Hälfte ausgezahlt. Hilfskonvois werden von der RSF blockiert, die Stadt ist von allen Seiten abgeschnitten. Internationale Hilfsorganisationen? „Alle weg“, sagt Duda, „weil die RSF selbst Spitäler beschießt.“ Es gab auch bei den humanitären Mitarbeitern zahlreiche Tote.

Während Al-Fascher im Belagerungszustand verharrt, wächst in den Nachbarländern eine humanitäre Krise, die auch Europa betreffen könnte. Rund 600.000 Menschen sind laut UNHCR seit Beginn des Krieges in den Tschad geflüchtet – viele von ihnen sind wie Duda Angehörige der Massalit, die in Camps an der Grenze unter prekären Bedingungen leben.

Zudem wächst die Zahl jener, die über Libyen und Niger versuchen, die Sahelroute Richtung Mittelmeer zu nehmen – wenn auch auf niedrigem Niveau. Die “Internationale Organisation für Migration” (IOM) berichtet von einem "spürbaren Anstieg" sudanesischer Migranten in Niger – konkrete Zahlen nennt die Organisation nicht, spricht aber von einer neuen Fluchtbewegung entlang der etablierten Routen von Agadez Richtung Libyen.

Auch die EU-Grenzagentur Frontex meldete zuletzt einen Anstieg sudanesischer Ankünfte über das zentrale Mittelmeer. Zwischen Januar und Mai 2025 registrierten die Behörden 1.469 sudanesische Ankünfte – nach lediglich 361 im Vorjahr. Weitere über 900 Sudanesen wurden auf See abgefangen und nach Libyen zurückgebracht. In Europa selbst kamen allein in den ersten beiden Monaten des Jahres 484 Sudanesen an – ein Zuwachs von 38 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2024.

In Darfur eskaliert der Konflikt wie schon beim Völkermord im Jahr 2003 erneut entlang ethnischer Linien. Die RSF, ursprünglich aus den schon damals mordenden Janjaweed-Milizen hervorgegangen, belagert Al-Fascher seit Monaten. Immer wieder greifen ihre Kämpfer Massalit-Dörfer an, plündern, vergewaltigen, morden. Die Massalit – eine Volksgruppe, die sich traditionell gegen die Janjaweed gewehrt hat – gelten als erklärtes Ziel.

„Es ist Völkermord“, sagt Duda am Telefon. Über 150 Menschen seien allein bei der letzten Attacke auf Zamzam getötet worden, viele bis heute verscharrt in den Straßen. Über Vergewaltigungen spricht Duda nur zögerlich. „Wir wissen von über 70 Fällen – aber niemand spricht darüber. Aus Scham. Und aus Angst.“

Es fällt ihm nicht immer einfach, die Hoffnung zu bewahren. Während es für Gaza oder die Ukraine globale Aufmerksamkeit gibt, verhallt der Notruf aus Al-Fascher ungehört. „Wir hoffen, dass die Armee Verstärkung schickt”, sagt Duda, “sonst sterben wir– an Hunger. Oder unter den Bomben.“

Ein bis zwei Monate bleiben ihm und seiner Familie noch, glaubt Duda. “Länger nicht.”