Christian Putsch

Sudan: In den Trümmern des Hotels, das sein Leben war

Christian Putsch
Sudan: In den Trümmern des Hotels, das sein Leben war

Während ein Ende des Sudan-Krieges auch bei der heutigen Konferenz in Berlin nicht in Sicht ist, kehren einige vertriebene Menschen nach Khartum zurück – in eine Stadt aus Zerstörung, Sprengfallen und Erinnerungen. Minenräumer entschärfen Munition, einige Familien sind so gespalten wie das Land, andere geben die Hoffnung auf Frieden nicht auf. Und im berühmten Acropole-Hotel sucht der greise Besitzer aus dem Exil per Videoanruf inmitten der Verwüstung nach den Spuren seines Lebens. Für ihn ist es ein Abschied

Fußboden ist unter einem halben Meter Geschichte verschwunden. Berge von Papier, zerborstene Möbel, verblichene Fotos – alles liegt übereinander, als hätte jemand das Gedächtnis dieses Hauses aus den Regalen gerissen. Der schwere Safe im Büro ist aufgebrochen. Es knirscht bei jedem Schritt. Es ist das trockene Zerbrechen von Dingen, die einmal geordnet waren.
„Geh bitte ein Stück weiter nach links“, sagt Makis Pagoulatos, ein ergrauter Mann mit melancholischem Lächeln, über den Videoanruf aus Griechenland. Seine Stimme kommt leicht verzögert, manchmal bricht sie ab. „Dort neben dem Stromkasten hingen zwei gerahmte Porträts meiner Eltern, an denen ich sehr hänge.“
An der Wand sind nur noch zwei Nägel.
Es ist ein merkwürdiger Vorgang, dieser Rundgang. Einer steht in Khartum inmitten des zertrümmerten Lebens des anderen, der vor 70 Jahren in diesem Hotel geboren wurde und nun Tausende Kilometer entfernt in einem Haus in Athen sitzt. Das Hotel war nicht wegen seines eher schlichten Ambientes berühmt, sondern wegen des Netzwerks der Familie Pagoulatos. Ohne sie wüsste die Welt weit weniger über dieses widersprüchliche Land an der Schnittstelle zwischen der arabischen und der afrikanischen Welt – über die Herzlichkeit der Menschen, seine jahrtausendealte Geschichte und die Gewalt, die den Sudan seit jeher erschüttert.


1952 wurde das Acropole von Makis’ Vater gegründet, einem griechischen Einwanderer aus einfachen Verhältnissen, später übernahmen seine drei Söhne George, Thanasis und Makis. Von hier aus organisierten Hilfsorganisationen Lebensmittellieferungen, Archäologen Genehmigungen, Besucher Reisen und Generationen von Journalisten Kontakte. Als die wegen ihrer NS-Nähe zeitlebens umstrittene deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl um das Jahr 2000 in den Nuba-Bergen verunglückte, organisierte Makis’ Bruder George ein Flugzeug für ihre Rettung. Die verletzte Riefenstahl, damals weit über 90 Jahre alt, überstand den Unfall.
„Wir haben immer gerne geholfen. So machen das alle im Sudan, sonst hätten sie die vielen Krisen nicht überlebt“, sagt Makis. „Das war unser Leben.“ Noch heute kleben an den zersplitterten Glasscheiben des Büros Aufkleber von BBC und Arte, Rotem Kreuz und Save the Children und Dutzenden anderen Organisationen. Es war Tradition, sich an diesem Ort zu verewigen, von dem viele glaubten, dass er ewig bestehen würde.
Lange hatte das Hotel alle Krisen im Sudan überstanden: Putsche, Militärregime, Hungersnöte, Islamisierung, wirtschaftlichen Verfall, selbst einen Terroranschlag, bei dem mehrere Gäste getötet wurden. Es hat sich immer wieder angepasst – wie ein Organismus, der gelernt hat, in einem instabilen Umfeld zu funktionieren. Wie so vieles im Sudan.
Der Krieg, der am 15. April 2023 begann, zerstörte diese Gewissheit. Er traf das Land im Zentrum, nicht mehr nur in den Randregionen wie frühere Konflikte. Wohnviertel, Behörden und Märkte wurden zu Kampfzonen. Die RSF-Miliz übernahm die Kontrolle über die Stadt. Und besetzte auch das Acropole.
Drei Jahre Krieg sind vergangen, inzwischen ist die Hauptstadt wieder in der Hand der Armee. Sie bietet Geleitschutz zu dem Hotel, wie derzeit zu fast allen Interviews im Sudan, wo eine völlig unabhängige Recherche aktuell kaum möglich ist. Unter den Papierbergen auf dem Boden von Makis‘ ehemaligen Büro taucht ein erstes Foto auf. Es zeigt eine ältere Frau zusammen mit einem Bischof der orthodoxen Kirche, der ihr eine Medaille für ihre Verdienste um die damals rund 400 Griechen im Sudan verleiht. „Das ist meine Mutter“, sagt Makis sofort am Telefon. Flora war über Jahrzehnte die Seele des Hotels, sie starb im Jahr 2010. Seine Stimme wird weicher. „Bitte behalten Sie das. Schicken Sie es mir bitte mit der Post.“ Wir legen das Bild vorsichtig beiseite.
Makis, 70 Jahre alt, ist gesundheitlich angeschlagen. Er muss regelmäßig ins Krankenhaus, war deshalb einige Tage vor Kriegsbeginn nach Athen gereist – sein Bruder Thanasis, 82, wurde nach Ausbruch der Kämpfe von der italienischen Luftwaffe evakuiert. Eine Rückkehr ist zumindest für Makis nicht mehr realistisch. Auch rund um das Hotel sind die Häuser und Straßen verlassen, direkt vor dem Eingang sind zwei Leichen verscharrt, erzählt ein Soldat. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, kein Gebäude ohne Einschläge von Schüssen oder Raketen. Der Krieg hat sich zur größten humanitären Krise ausgeweitet, Zehntausende starben. Über die Hälfte der Bevölkerung ist auf Nothilfe angewiesen, die international stark unterfinanziert ist. Rund vier Millionen Menschen sind im Laufe des Krieges aus dem Großraum Khartum geflohen. Insgesamt wurden elf Millionen Sudanesen vertrieben, vier Millionen davon über die Grenzen der Nachbarländer. Die Generäle drängen auf ihre Rückkehr, mit begrenzter Glaubwürdigkeit: Viele lassen ihre eigenen Familien im Ausland.
Auch Hilfsorganisationen sollen zurückkehren, zumindest offiziell. Doch kaum jemand vertraut vollends darauf, dass dieser Konflikt nicht mittelfristig auch in Khartum wieder aufflammt. Hinter vorgehaltener Hand sagt eine Mitarbeiterin, man werde dort wahrscheinlich formell eine kleine Zweigstelle eröffnen, die meisten Angestellten aber im sicheren Küstenort Port Sudan lassen. De facto ist das Land geteilt: Die RSF kontrolliert Darfur im Westen, die Armee den Osten und Teile des Zentrums. Und in der Mitte bekämpfen sich die beiden Kriegsparteien weiter – ohne Rücksicht auf Zivilisten.
Daran wird auch die Sudan-Konferenz nichts ändern, die am Mittwoch (15.4.) zum dritten Jahrestag dieses meist ignorierten Krieges in Berlin stattfindet und bei der neben Deutschland unter anderem die USA als Gastgeber agieren. Zu sehr werden beide Kriegsparteien von außen unterstützt: die RSF vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten und in geringerem Maße von Äthiopien, die Armee vorrangig von Ägypten sowie durch Waffenlieferungen aus dem Iran. Zudem haben sowohl RSF als auch die Armee ihre Einnahmen aus der Goldproduktion erheblich erhöht.
Der Hebel westlicher Staaten ist begrenzt, mit Ausnahme der USA über ihren Einfluss auf die Golfstaaten. Im März kündigte Washington an, die Muslimbruderschaft im Sudan als „ausländische terroristische Organisation“ einzustufen. US-Außenminister Marco Rubio verwies auf angebliche Verbindungen der islamistischen Organisation zum Iran, wobei er offenließ, wer im Einzelnen gemeint ist. Der Druck auf die Armee zu Verhandlungen dürfte dadurch jedenfalls zunehmen. Bislang lehnt sie die ab.
In Berlin werden Politiker relevanter Länder sowie Vertreter der UN und der sudanesischen Zivilgesellschaft erwartet. „Die Konferenz ist keine Friedenskonferenz“, sagt Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Niemand sollte seine Erwartungen zu hochschrauben.“ Selbst eine dringend notwendige humanitäre Waffenruhe ist derzeit nicht in Sicht, so der renommierte Analyst: „Es wäre bereits ein Fortschritt, wenn sich die sudanesischen Vertreter auf eine Erklärung zur Deeskalation des Konflikts einigen könnten.“
Schon ein gemeinsames Communiqué gilt als unwahrscheinlich. Gleichzeitig bietet die Konferenz die Chance für einen Perspektivwechsel, sagt Kurtz: „Weg von den Kriegsparteien, hin zu denen, die bereits heute an gesellschaftlichem und politischem Frieden arbeiten.“
In einer Wohnung in Khartums Nachbarstadt Omdurman sitzt spätabends ein hagerer Mann, der seine Hoffnung darauf trotz allem nicht verloren hat. Der 35-Jährige gehörte zu den Zehntausenden, die mit ihren Demonstrationen im Jahr 2019 den Sturz des islamistischen Diktators Omar al-Bashir sowie kurzzeitig Lockerungen der Scharia erzwangen.

Er wurde dabei beschossen, riskierte sein Leben und scheiterte doch an seinem Traum, das damals noch gemeinsam von RSF und Armee kontrollierte Land in eine Demokratie zu führen. Die Eliten klammern sich an ihre Privilegien, besonders die RSF, deren Weigerung, sich mittelfristig in die Armee eingliedern zu lassen, zum Krieg führte. Und der entmachtete Diktator lebt nach seiner Inhaftierung im Jahr 2019 offenbar wieder unbehelligt in einer derzeit nicht umkämpften Stadt im Norden des Sudan.
Der Aktivist hat dem Gespräch unter der Bedingung zugestimmt, dass man ihn Omer Mustafa nennt – was nicht sein richtiger Name ist. Sicher ist sicher. Spätestens seit Beginn des Krieges erscheint ein demokratischer Zustand vielen als utopisch. Nicht so für Mustafa. Er sagt, es gebe weiterhin Treffen von Aktivisten, oft im Rahmen der Emergency Response Rooms (ERR), einem landesweiten Netzwerk von Freiwilligen, das entscheidend dazu beiträgt, dass diese humanitäre Katastrophe nicht noch viel schlimmer ist. Für den Friedensnobelpreis waren sie im vergangenen Jahr nominiert, den Alternativen Nobelpreis erhielten sie hoch verdient.
„Viele von uns, die sich damals in den Nachbarschaften für die Proteste organisiert haben, sind heute in den ERRs aktiv“, sagt Mustafa. Die Demokratie sei weit entfernt – wie sollte es anders sein, wenn selbst ein Frieden außer Reichweite scheint. „Aber wir machen weiter.“
Oft geschieht das im Verborgenen, aber nicht immer: Im Dezember gehörte er zu rund 100 Aktivisten, die eine pro-demokratische Demonstration organisierten. Sie war von der Armee genehmigt worden. In ihr gebe es, wie im Westen mit Sorge beobachtet, tatsächlich wachsenden Einfluss von Islamisten aus dem Umfeld al-Bashirs. Allerdings zähle Sudans Armeechef Abdel Fattah al-Burhan, de facto Staatsoberhaupt, aus seiner Sicht nicht dazu: „Ich kenne ihn, er ist keiner von ihnen“, sagt Mustafa. Die Islamisten kontrollierten vielmehr wichtige Teile der Geheimdienste und versuchten, Burhan zu schwächen. Teile der Armee sähen in den Pro-Demokratie-Aktivisten ein Gegengewicht zu diesen Kräften – eine Aussage, die überrascht, schließlich vermeldete die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ zuletzt Tötungen von Aktivisten wie ihm durch die Armee.
Drohnen aus dem Iran seien geliefert worden, räumt der Aktivist ein, das liege aber auch am sanktionsbedingten Mangel an Waffenlieferanten. Teheran habe im Gegenzug auf einen Marinestützpunkt an Sudans strategisch wichtiger Küste am Roten Meer gedrängt – ein Plan, den die Armee aufgrund von Druck aus Washington und mehrerer Golfstaaten ablehnte und der sich durch die jüngsten Angriffe der USA und Israel auf Iran ohnehin vorerst erledigt haben dürfte.
Beide Kriegsparteien im Sudan haben in den vergangenen drei Jahren Kriegsverbrechen begangen, insbesondere durch die Kooperation mit schwer kontrollierbaren Milizen und durch die Blockade von Hilfslieferungen. Doch die Massaker der RSF ragen heraus. Davon berichten Menschen in den zahlreichen Lagern für Binnenvertriebene ebenso wie Bewohner der Großstädte. Fast jeder, der während der RSF-Besetzung festsaß, erzählt von Plünderungen und Morden.
Die RSF-Truppen sind inzwischen Hunderte Kilometer von der Stadt entfernt. Sie haben eine andere Spur hinterlassen – im Boden. Unzählige Sprengkörper liegen noch immer in Khartum: Landminen, Granaten, nicht detonierte Raketen. Mehr als 4000 Minen und über 120.000 Blindgänger wurden bislang identifiziert, die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher sein. Immer wieder kommt es zu Unfällen, oft mit mehreren Verletzten. Besonders Kinder sind betroffen, da sie die Gefahr nicht erkennen.
Im Al-Mogran-Familienpark, nahe dem Zusammenfluss von Blauem und Weißem Nil, versuchen Minenräumer das zugewachsene Gelände zu sichern. Es war wegen seiner Nähe zu einer Brücke strategisch wichtig und entsprechend stark umkämpft. Heute ist es abgesperrt und in Zonen unterteilt. Blaue Markierungen zeigen laufende Bergungen, gelbe identifizierte Sprengkörper, grüne freigegebene Flächen. Rund 75 Prozent des Parks sind geräumt, etwa 1300 Quadratmeter gelten weiterhin als unsicher.
Die Arbeit ist langsam und gefährlich. Teams tasten sich etwa 45 Minuten Meter um Meter voran, dann folgen Pausen. Viele der Männer haben Erfahrung aus Regionen wie Darfur oder Südkordofan, wo diese Gefahr seit Jahrzehnten zum Alltag gehört. In Khartum ist sie neu: „Die Menschen hier haben nie gelernt, mit solchen Risiken umzugehen“, sagt ein Teamleiter.
Während Spezialisten versuchen, die Stadt sicherer zu machen, kehren erste Ansätze von Alltag zurück. Die berühmten Nuba-Wrestler veranstalten wieder Kämpfe, traditionell ein Treffpunkt – wenn auch vorerst auf einem einfachen Feld, das Stadion ist noch zerstört. In Omdurman geben bekannte Musiker wieder Konzerte auf den Straßen, begleitet von Propaganda-Medien der Armee. Die Bilder sollen Sudanesen im Ausland zur Rückkehr bewegen und die Wirtschaft ankurbeln.
Kleine Anzeichen dafür gibt es. Ein Händler für Baumaterialien hat wieder geöffnet, einige frisch importierte chinesische Autos fahren auf den Straßen. Ein Investor aus Jordanien ist mit einem der ersten Inlandsflüge von Port Sudan nach Khartum zurückgekehrt und begutachtet die Schäden an seiner Fabrik. „Wenn die Menschen glauben, dass sich die Lage stabilisiert, kann der Wiederaufbau schneller gehen als gedacht“, sagt er. „Die Eliten hier haben viel Geld.“ Noch aber fehlt dieses Vertrauen.
Unklar bleibt, wie es außerhalb des so wichtigen Ballungsgebietes weitergeht. Ein Soldat beantwortet die Frage nach einer möglichen Rückeroberung Darfurs mit einem lauten „Natürlich, Inschallah.“ So Gott will. Doch beide Seiten verfügen mit jeweils geschätzt weit über 100.000 Kämpfern über eine vergleichbare Stärke. Die Fronten sind so sehr verhärtet, dass man sich bisweilen gar arrangiert. Als die RSF vor einigen Monaten das wichtigste sudanesische Ölfeld (Heglig) eroberte, vereinbarte sie mit ihrem Kriegsgegner eine Teilung der Einnahmen. Schließlich erfolgt der Export über das Rote Meer und damit durch von der Armee kontrolliertes Gebiet.
Und selbst im Fall eines militärischen Sieges der Armee erscheinen die Wunden zu tief um zu heilen. Am Nil sitzt Ahmed Abdelrahman, 26, und trinkt Tee. Der Buchhalter gehört zum arabisch geprägten Messiria-Stamm, aus dem die RSF viele Kämpfer rekrutiert. Der Konflikt hat längst eine ethnische Dimension angenommen. Die RSF hat in Darfur schwere Verbrechen gegen nicht-arabische Volksgruppen begangen.
Abdelrahman selbst kämpfte zeitweise als Freiwilliger für die Armee und wurde verletzt. Seine Familie ist gespalten: Einige Angehörige kämpfen mit ihm für die Armee, andere in Darfur dagegen für die RSF. An der Beerdigung seiner Großmutter dort konnte er vor einigen Monaten nicht teilnehmen. Stattdessen drohte ihm ein Cousin am Telefon: „Wir werden dich töten, wenn wir nach Khartum zurückkommen.“
Trotz allem hält auch er an der Idee einer besseren Zukunft fest. „Die Menschen haben ihre Stimme nicht verloren“, sagt er. Immer wieder komme es zu kleineren Protesten – von Beschäftigten, die ihre Löhne einfordern, oder von Gruppen, die gegen steigende Preise demonstrieren. Die Währung hat stark an Wert verloren, Lebensmittel und Treibstoff sind deutlich teurer geworden.
Zurück im Acropole und der Suche nach Makis‘ Erinnerungen, der vor 70 Jahren in dem Hotel geboren wurde. Inmitten der Zerstörung tauchen Bilder der Familie Pagoulatos auf: Weihnachten, die einst makellose Fassade, die Mutter beim Dekorieren des Hotels. Fotos aus diesem Büro, von dem aus sie der Außenwelt Zugang zu diesem selbst in Friedenszeiten komplexen Land ermöglichten. Makis und sein Bruder George, der kurz vor Kriegsbeginn starb.
Und dann Makis allein – dieser unermüdliche Vermittler im Geflecht sudanesischer Bürokratie –, wie er mit festem Blick in diesem Raum sitzt, vor den einst säuberlich gestapelten Papieren, die nun verstreut am Boden liegen. Seine Stimme stockt, als ein 1993 abgelaufener Pass seiner Mutter auftaucht. „Das musst du dir anschauen“, ruft er zu seiner Frau, die kurz darauf auf dem Handy-Bildschirm neben ihm zu sehen ist. „Von 1993.“

Wir gehen weiter durch das Gebäude, das wie so viele ohne Wasser, ohne Strom, ohne Menschen ist. Die Eingangstür steht offen. Überall dasselbe Bild: zerstörte Möbel, herausgerissene Kabel, Trümmer. An einer Wand steht mit Kreide „Special mission forces“ – ein Hinweis darauf, dass die Armee das Gebäude systematisch durchsucht hat.
Im Restaurant im obersten Stockwerk hing einst ein Porträt von Jesus Christus. Es ist der einzige Gegenstand, den eine Mitarbeiterin retten konnte. „Es bedeutet uns sehr viel“, sagt Makis. Dann zögert er – bei der Ausreise könnte es Probleme geben, man könnte eine Plünderung vermuten. „Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“
Es fällt schwer aufzulegen. Makis bittet, noch das ehemalige griechische Konsulat zu sehen, als das ein fensterloser Raum im Hotel nebenbei fungierte. Auch er ist verwüstet, nur Fotos der griechischen Küste sind noch unberührt an der Wand. „Sie hängen noch“, sagt der alte Mann leise, als gäbe ihm das Trost. Es wirkt jetzt wie ein Abschied aus der Ferne. Die Brüder wollten das Hotel eigentlich an ihre Angestellten übergeben. Für eine Wiedereröffnung fehlen Geld und Gäste. Traurig sei er, sagt Makis. Tief traurig.
Drei Stunden dauert die Suche in den Trümmern. Draußen wird es dunkel. Am Ende bleiben etwa 30 Fotos, formell noch gültige amtliche Dokumente, eine auf Holz gemalte Maria-Ikone. 1,1 Kilogramm wird das Paket nach Griechenland am Ende wiegen.
Die großen Porträtfotos der Eltern bleiben verschwunden. Makis hat es geahnt. „Ich möchte dir trotzdem danken“, sagt er. „Erinnerungen sind zu uns zurückgekehrt.“
Immerhin die bleiben.