Christian Putsch

Sudan: Die Vertriebenen

Christian Putsch
Sudan: Die Vertriebenen

Während in Berlin am Mittwoch über dringend benötigte humanitäre Hilfe für den Sudan konferiert wird, hat sich dort der Konflikt zur größten Vertriebenenkrise der Welt ausgeweistet. Besonders die Menschen in Darfur und Kordofan leiden unter den anhaltenden Kämpfen zwischen Sudans Armee und der RSF-Miliz – und unter der Gewissheit, dass ihr Leid die Kriegsparteien wenig schert.
Der Arzt erinnert sich an die Nächte in El Fasher. An das leise Atmen der Patienten, das entfernte Surren von Drohnen über der Stadt. Und an die Dunkelheit. Jede Lichtquelle hätte sie zu einem Ziel gemacht. Also arbeitete Muhammed Ismail Abdulrahman, 33, im Halbdunkel in einem eingegrabenen Container, tastete sich mit den Händen vor, während er Wunden versorgte, Blutungen stoppte, improvisierte Eingriffe durchführte. OP-Handschuhe wurden ausgekocht und wiederverwendet, Instrumente notdürftig gereinigt.
Lange war El Fasher der letzte Stützpunkt von Sudans Armee in Darfur, einer Region im Westen des Sudan, die flächenmäßig größer ist als Deutschland. Ihr Kriegsgegner, die paramilitärische Rapid Support Forces (RSF), kontrollierte mit verbündeten Milizen große Teile des restlichen Darfur. Es war lange absehbar, dass das Land zumindest mittelfristig auf eine Spaltung zusteuert – spätestens, wenn auch El Fasher fällt.
18 Monate lang belagerte die RSF die Stadt. Die Menschen hungerten, schabten Salzreste aus den Öfen zerstörter Bäckereien, aßen Tierfutter. Abdulrahman bildete 280 Zivilisten in Erster Hilfe aus – Männer und Frauen, die plötzlich die ersten Helfer waren, wenn nach Angriffen niemand sonst mehr kam. „Wir haben getan, was wir konnten“, sagt er. Doch als die Miliz im vergangenen Jahr ihre Offensive auf El Fasher massiv verstärkte und dabei zahlreiche Massaker verübt wurden, blieb Zehntausenden nur die Flucht. Darunter der Arzt.
Nun sitzt er Hunderte Kilometer weiter im Schatten eines notdürftigen Zelts in Afad, einem Lager für Binnenvertriebene im Norden des Sudan. Kinder laufen barfuß zwischen den Hütten. Seine Nachbarin hält zwei Kleinkinder an der Hand, die sie während der Flucht bei einer getöteten Mutter fand – eines hatte sich noch an ihre Brust geklammert. Fast jeder hier hat eine solche Geschichte zu erzählen. „Uns bleibt nur zu warten“, sagt er, „und wir werden nie aufhören zu hoffen.“
Trotz allem. Seit Beginn des Krieges vor drei Jahren wurden etwa elf Millionen Sudanesen vertrieben, mehr als vier Millionen flohen in Nachbarländer. Zehntausende starben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf Nothilfe angewiesen, die international stark unterfinanziert ist.
Auch in Europa schaut man mit wachsender Sorge auf den Krieg. Die Ankunftszahlen sudanesischer Flüchtlinge dort nahmen zuletzt zu, wenn auch weiterhin auf eher niedrigem Niveau. Im Jahr 2025 waren es 14.208 – ein Anstieg von über 200 Prozent im Vergleich zu 2024. Generäle der Armee drängen auf die Rückkehr der Menschen in die von ihnen kontrollierten Gebiete wie die Hauptstadt Khartum, wo gerade der Flugverkehr wieder aufgenommen wurde. Diese Forderung wirkt freilich wie Heuchelei. Die Militärs lassen ihre eigenen Familien oft im Ausland, meist in Ägypten.
Die Fronten sind verhärtet. Die RSF hält Darfur im Westen, die Armee den Osten und Teile des Zentrums. Dort, besonders in Kordofan, bekämpfen sich die beiden Kriegsparteien weiter – ohne Rücksicht auf Zivilisten. Daran wird auch die Sudan-Konferenz wenig ändern, die an diesem Mittwoch in Berlin stattfindet, wenn sich der Ausbruch dieses oft vergessenen Krieges zum dritten Mal jährt.
Zu viele äußere Einflüsse wirken auf beide Kriegsparteien ein: Die RSF erhält Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und in geringerem Maße aus Äthiopien, die Armee vor allem aus Ägypten sowie durch Waffenlieferungen aus dem Iran. Zudem haben sowohl RSF als auch die Armee ihre Einnahmen aus der Goldproduktion stark erhöht.
Sudans Armee, die sich als Regierung des Landes betrachtet, hat Deutschland in einem Memorandum am Freitag sogar offiziell aufgefordert, die Konferenz abzusagen. Sie war – wie auch die RSF – nicht eingeladen worden. In einem dem Auswärtigen Amt übergebenen Memorandum kritisierte Sudans Botschafterin, man werde damit mit einer „Terrormiliz“ gleichgestellt. Gemeint ist die RSF. Der Ausschluss der Regierung sei eine „Verletzung der staatlichen Souveränität“, hieß es weiter.
Schon vor einer ähnlichen Sudan-Konferenz in Paris vor einem Jahr gab es bereits vergleichbare Töne. Allerdings droht man diesmal darüber hinaus mit einem „Überdenken der Beziehungen“ zu den beteiligten Geberländern. Die sind ohnehin schon kompliziert genug. Schon die Drohung dürfte die humanitären Hilfsleistungen weiter erschweren. Sudans Regierung lehnt Verhandlungen mit der RSF kategorisch ab.
Abgesehen von den USA, die auf ihren engen Partner VAE Druck ausüben könnten, dies aber wegen der strategischen Bedeutung der Emirate im Nahen Osten nur begrenzt tun, ist der politische Einfluss westlicher Staaten ohnehin eingeschränkt. In Berlin werden Politiker relevanter Länder sowie Vertreter der UN und der sudanesischen Zivilgesellschaft erwartet. „Die Konferenz ist keine Friedenskonferenz“, sagt Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Niemand sollte seine Erwartungen zu hochschrauben.“
Auch in Khartum kommen weiter täglich Hunderte Flüchtlinge an, die meisten aus der Kordofan-Region. Maryam, eine ältere Frau mit gepunktetem Hijab, sitzt ruhig auf einem Plastikstuhl, während sie von ihrer Flucht erzählt. Vier Tage sei sie zu Fuß gegangen, sagt sie, aus der Gegend um Dilling. „Wir hatten kein Geld, keine Hilfe.“ Manche hätten es nicht geschafft.
In den Bergen hätten sie vor Hunger gekochtes Gras gegessen. „Einige konnten es nicht vertragen“, sagt sie. Durchfall, Erbrechen. Aber es gab nichts anderes. Ihr Sohn wurde bei einem Drohnenangriff verletzt. Ein Cousin starb im selben Haus. Fünf Enkelinnen hat sie, einige bei ihr, andere irgendwo auf der Flucht – sie weiß nicht, ob sie noch leben.
Viele erzählen von ähnlichen Schicksalen. Tagwa, 35, kam vor einem Jahr mit ihren drei Töchtern. Sie erinnert sich an Straßensperren, an bewaffnete Männer der RSF, die sie anhielten, ihre Taschen durchsuchten und ihre Telefone nahmen. „Sie nehmen alles“, sagt sie. Geld, Schmuck, Kontakte. Und die jungen Männer. Ihr Schwager wurde entführt, die Familie musste Lösegeld zahlen. „Das passiert dort jeden Tag“, sagt sie.
Nussiba, 30, lebt in einer provisorischen Unterkunft in Khartum. In Südkordofan sei das Leben zum Stillstand gekommen. Früher habe man während der Regenzeit gearbeitet, danach von der Ernte gelebt. Jetzt flögen Drohnen über die Dörfer. Ein Onkel wurde bei einem Angriff verletzt, ein Cousin verlor ein Bein.
Oft seien die Drohnen kaum sichtbar, aber ihr Summen sei unverwechselbar, sagt Nussiba. „Wenn du das Geräusch hörst, versteckst du dich.”
Selbst die Hunde im Dorf hätten das gelernt.