Christian Putsch

Sudan: Der Mann, der das Schicksal niederring

Christian Putsch
Sudan: Der Mann, der das Schicksal niederring

Wenige Berufsgruppen sind vom Krieg im Sudan so sehr betroffen wie die Berufswrestler von Khartum. Sie gehören zu Volksgruppen aus den Nuba-Bergen, die von der sudanesischen Armee oft als Soldaten rekrutiert werden – und wurden von deren Kriegsgegner deshalb oft wochenlang gefoltert. Heute stehen sie trotz des andauernden Krieges wieder im Ring. Nicht wie früher in vollen Arenen, sondern zwischen Ruinen
Sie stellen immer wieder dieselben Fragen. Wo die anderen Truppen seien, wollen die Folterer der RSF-Miliz wissen, wo die anderen Spione. Sie verdächtigen den Wrestler, Soldat ihres Kriegsgegners zu sein – der sudanesischen Armee. Doch seine Antworten bleiben gleich: Er sei Wrestler, habe in seinem Leben nie etwas mit dem Militär zu tun gehabt.
Die besten Wrestler gehören traditionell zu den als auffällig muskulös geltenden Volksgruppen aus den Nuba-Bergen, die von der sudanesischen Armee gerne als Soldaten rekrutiert werden – und gerieten während der Besetzung der Stadt durch die rivalisierende RSF-Miliz entsprechend ins Visier. Minutenlang schlagen die Kämpfer der Miliz auf den kräftigen Körper von Ali Adam, 28, ein, stechen mit Messern in ihn, hungern ihn aus. Immer dieselben Fragen, als gäbe es nur eine Wahrheit, die sie hören wollen, und unendlich viele Wege, sie aus einem Körper herauszuzwingen. Dann lassen sie ihn in einem stickigen Raum zurück. Bis zur nächsten Folter.
21 Tage geht das so. Bis zum Beginn des Krieges im Sudan vor drei Jahren ist Adam einer der besten und kräftigsten Wrestler des Landes. Jetzt bekommt er pro Tag einige Bohnen, etwas Brot und ein paar Tassen Wasser. Tag und Nacht verschwimmen. Er verliert elf Kilogramm – und reihenweise Freunde, Mitgefangene. Sie liegen neben ihm, irgendwann reagieren sie nicht mehr, sterben einen stillen Tod.
Ali erzählt von diesen schrecklichen Tagen überraschend ruhig. Er hat nicht geglaubt, dass er noch einmal hier stehen würde, ein Jahr nach der Rückeroberung von Khartum und der benachbarten Industriestadt Bahri durch die Armee, seiner Befreiung und wohl auch Rettung vor dem Tod. Der seit nunmehr drei Jahren andauernde Krieg wütet in anderen Landesteilen unvermindert weiter, er hat sich zur größten humanitären Katastrophe der Welt ausgeweitet – über 25 Millionen sind auf Hilfe angewiesen, elf Millionen wurden vertrieben, Zehntausende starben. Doch immerhin in Bahri fühlt es sich wieder ein wenig nach seinem alten Leben an. Am Nachmittag steht sein erster großer Kampf seit Kriegsbeginn an. Er kehrt in den Ring zurück.
Ali sitzt auf seinem Bett, das er wie jeden Morgen fein säuberlich gemacht hat. Wie alles in dem Zimmer mit den unverputzten Wänden, das er so rein wie möglich hält. In einem Regal liegen sechs Medaillen, Kante an Kante gestapelt. Die beiden goldenen Pokale für den Gewinn der Regionalmeisterschaften sind frisch poliert. „Ich mag es gerne ordentlich“, sagt er lächelnd. Neun Quadratmeter Ordnung inmitten des Chaos, das auf unabsehbare Zeit über dem Sudan liegt.
In diesem Raum hat er sich nach seiner Haft erholt, mit Essen, mit Schlaf, mit Zeit. Sein Bruder brachte ihm Linsen, Brot, Wasser. Vier Tage lang, sagt er, habe er kaum etwas anderes getan als zu essen und zu schlafen, bis der Körper langsam die ersten Kräfte zurückgewann. Nach einigen Wochen begann Adam wieder zu trainieren.
Wenn ihn die Menschen beim Joggen sahen, jubelten sie ihm zu. Wrestling war eine Erinnerung an Zeiten, als man ungeachtet der ethnischen Zugehörigkeit zusammenkam. Die RSF rekrutiert sich vor allem aus vier arabisch geprägten Ethnien. Der Krieg hat den Sudan tiefer gespalten denn je.
Beim Wrestling hatte man diese schon vorher unübersehbaren Gräben immer ein wenig vergessen können. Wie wohl sonst nur beim Fußball, doch die lokale Liga ruht weiterhin. Führende Teams wie Al-Hilal und Al-Merreikh sind geflüchtet, spielten zunächst in der Liga Mauretaniens und treten nun in der von Ruanda an. Wohl auch deshalb riefen die Menschen Adam zu: „Wann kämpft ihr endlich wieder?“
Auch der Wrestler hat diesen Tag herbeigesehnt, seine Gefangenschaft mit Erinnerungen an seine Kämpfe überstanden. Er hat zu seiner furchterregenden Statur zurückgefunden, muskulös, über 90 Kilogramm, mit riesigen Händen. Und doch wirkt Adam, wie er da auf dem Bett sitzt, verwundbar, der Blick nervös, die Stimme zu ruhig für den einst gefürchtetsten Wrestler der Stadt.
Die Mittagshitze ist vorbei, und es ist Zeit zum Aufbruch. Er fährt mit seinem Motorrad, nicht wie früher nur einige Straßen weiter zum Haj-Yousif-Stadion, wo ihm einst Tausende zujubelten. Es ist noch nicht vollständig repariert nach den Zerstörungen. Die Ränge sind geplündert, Sitze herausgerissen, Kabel aus den Wänden gezogen. Stattdessen fährt er zu einem unscheinbaren Feld am Rande von Bahri, umgeben von ein paar Hütten.
Den Ring formen in der Abenddämmerung Hunderte Menschen, sie sitzen auf Plastikstühlen auf dem ausgetrockneten Lehmboden. Eine Trommel setzt rhythmisch ein, so wie immer bei Wrestling-Kämpfen. Doch es klingt, als verkünde sie die Rückkehr von etwas Leben in die Nachbarschaft, während in der Nähe Räumungskommandos nach von der RSF hinterlassenen Landminen suchen.
Am Rand der Menge begrüßt Adam seinen Trainer Ahadii, von dem er so viel gelernt hat und der früher auch ein gefeierter Wrestler war. Und auch er wurde von der RSF gefoltert, tagelang, wie so viele Menschen, die irgendwie in der Öffentlichkeit stehen. Der Körper des 45-Jährigen ist weniger massiv als der der Jüngeren, doch kaum einer beherrscht die Technik dieses Sports so gut wie er. Er stammt aus der Kordofan-Region, die früher als Epizentrum des Wrestlings und heute als eines des Krieges bekannt ist.
Adam sagt, Ahadii könne viel besser als er erklären, was Wrestling für den Sudan bedeute. Und die Erzählungen über seinen geliebten Sport brechen aus dem Trainer tatsächlich regelrecht hervor. Der Krieg hat ihm tiefe Falten in das Gesicht gemeißelt, er will ihn für einige Stunden hinter sich lassen. Also erzählt er von seiner Jugend.
Als er zwölf war, hat er mit seinem Vater die Ziegen gehütet. Ahadii zog damals in den Nuba-Bergen von Dorf zu Dorf – und sah die ersten Kämpfe. Zur Erntezeit treten ganze Dörfer gegeneinander an, schicken ihre stärksten Männer, ihre Hoffnungsträger. „Von da an habe ich keinen Kampf mehr verpasst, von dem ich gehört habe“, sagt Ahadii. „Manchmal habe ich sogar die Ziegen zurückgelassen und musste sie danach suchen.“
Und er kämpfte mit, lernte die Griffe und die Taktik von seinem Vater. Und natürlich die Rituale: das Einreiben der Haut mit Erde, das Trommeln, die feierliche Ankündigung der Kämpfer. Und die Berührung des Bodens, bevor er auf den Gegner losgeht, als Zeichen der Verbindung zur Erde. „Wenn ich an meine Jugend denke, dann denke ich an diese Kämpfe mit meinen Freunden in den Dörfern“, sagt Ahadii, „und an die grünen Felder dahinter, auf denen das Vieh weidet.“
Adam hört ihm schweigend zu, manchmal huscht ein Lächeln über sein Gesicht, manchmal steigen ihm Tränen hoch. Er ist hier in Bahri geboren, ein Stadtkind, hat alles von seinem Trainer gelernt. Seine Eltern waren einst wie so viele aus dem ländlichen Nord-Darfur auf der Suche nach Arbeit in die Großstadt gezogen. Dort ist Wrestling nicht so tief verankert wie in Kordofan, aber doch zunehmend populär, wie überall im Land. Adam war bei seinen Besuchen ein Star, auch für seine Oma. Als sie vor zwei Jahren an einer chronischen Krankheit starb, konnte er nicht zur Beerdigung. „Das wird für mich für immer ein Schmerz bleiben“, sagt er. Darfur wird inzwischen komplett von der RSF kontrolliert, die dort einen Völkermord an mehreren Ethnien verübt hat.
Zuerst kämpfen die Kinder, dann die Jugendlichen – und in der Abenddämmerung tritt schließlich Adam in die Mitte. Aus Lautsprechern tönt Musik, doch die Zuschauer rufen seinen Namen lauter. Die Bewegungen des erfahrenen Kämpfers sind fast vorsichtig, als taste er sich noch immer in diese Welt zurück. Anders als sein hoch aufgeschossener Kontrahent tritt er nicht mit nacktem Oberkörper an, sondern trägt ein weißes Trikot. Seine Folterwunden darunter sind vernarbt.
Während sich Adam mit seinem Gegner belauert, schaut am Rand Trainer Ahadii angespannt zu. „Es ist so wichtig für die Menschen, dass Wrestling wieder beginnt.“ Er glaubt fest daran, dass der Sport die Menschen wieder ein Stück näher zusammenbringen kann. RSF-Sympathisanten seien hier natürlich nicht willkommen. Gleichzeitig werde jedoch niemand aus den mit der RSF assoziierten ethnischen Gruppen unter Generalverdacht gestellt. „Jeder ist willkommen.“ So sei das immer gewesen.
Sein Schützling hat jetzt die Schwachstellen des Gegners identifiziert. Sie gehen im Kreis umeinander, die Hände zucken nach vorne, finden kurz den Körper des anderen, lösen sich wieder. Ein erstes Tasten, noch kein Griff, der hält. Dann kommt der erste feste Kontakt. Eine Hand an der Schulter, die andere tiefer an der Hüfte. Die Körper gehen enger zusammen, Stirn an Stirn.
Adam findet Halt, zieht, dreht, hebt. Der andere stemmt sich noch dagegen. Dann verliert er den Boden unter den Füßen. Der Aufprall ist kurz und hart, Staub wirbelt auf. Adam bleibt oben, hält noch einen Moment, bis der Schiedsrichter den Sieg signalisiert. Dann löst er sich.
Die Spannung entlädt sich. Adam reißt die Arme in die Höhe, jemand ruft seinen Namen ins Mikrofon, Zuschauer werfen ihm Geldscheine zu. Sie sind kaum eine Mahlzeit wert, doch darum geht es in diesem Moment nicht.
Die Menge löst sich langsam auf, Adam klopft sich den Staub vom Körper. Er sei noch nicht wieder der Alte, sagt er, „aber heute ist ein guter Tag.“ Dann schwingt er sich auf sein Motorrad, mit dem er am nächsten Tag wieder Passagiere transportieren wird. Vor dem Krieg verdiente er mehr als so mancher Fußballstar des Landes. Diese Zeiten sind vorbei.
Der RSF ist er entkommen. Dem Überlebenskampf nicht.