Christian Putsch

Der Vater

Christian Putsch
Der Vater

 Elon Musk ist der reichste Mensch der Welt und einer der umstrittensten Unternehmer. Sein Vater schwankt zwischen Stolz und Wehmut über ihre Beziehung, die selten heil war. Wer Errol Musk zuhört, versteht das Wirken des Sohnes ein wenig besser. Ein Besuch

Das Gemälde, das der Vater von seinem Sohn gemalt hat, liegt auf einem unscheinbaren Holztisch im riesigen Wohnzimmer. Es zeigt Elon Musk im Alter von 17 Jahren, 1989 war das, wenige Tage, bevor der Filius Südafrika in Richtung Nordamerika und Weltkarriere verließ. Das Gesicht noch mehr Kind als Mann, der Mund im Ansatz eines Lächelns oder Wortes, die Augen voller Zuversicht. Das braune Haar noch verspielt ungeordnet, doch Hemd und Pullover sitzen makellos. Ein Junge, der gerüstet ist, was auch immer in der Zukunft kommen mag.

Das idyllische Bild von Elon Musk, das er vor einigen Jahren auf der Basis eines alten Fotos gemalt hat, erweckt den Eindruck eines emotionalen Ankers des Vaters. Ein Versuch, auf der Leinwand jene Harmonie festzuhalten, die im wirklichen Leben bei den Musks nie von Dauer war. Die öffentlich ausgetragenen Zerwürfnisse der Vergangenheit lasten noch schwer auf den schmal gewordenen Schultern des 79 Jahre alten Südafrikaners.

Errol Musk schaut lange auf das Gemälde, dann blättert er durch einen Stapel vergilbter Fotos. Der Erstgeborene Elon, sein Bruder Kimbal und die Schwester Tosca beim Wasserski, beim Urlaub in England, auf Safaris. Die Aufnahmen liegen immer in Griffweite. Gäste fragen regelmäßig nach Kindheitserinnerungen des reichsten und wohl kontroversesten Unternehmers der Welt. Und sie sollen sehen, dass dieser eine gute Kindheit hatte. Anders als von ihm selbst immer wieder behauptet.

Es gibt Vater-Sohn-Beziehungen, die bleiben Randnotiz der Biografie – und es gibt jene, die zum Schlüssel für das Verständnis eines Menschen werden. Winston Churchill ist solch ein Fall. Als junger Mann vom Vater für unfähig erklärt, machte es sich der spätere britische Premier zum Lebensziel, dessen Anerkennung posthum einzufordern. Mal war das Antrieb. Mal Bürde.

Lange sprach Elon Musk, 54, öffentlich kaum über seinen Vater. In frühen Interviews zeichnete er das Bild einer harten Kindheit in Südafrika, geprägt von Gewalt in der Schule und Einsamkeit, doch er wurde selten konkret. Die offene Abrechnung kam erst im Jahr 2017. „Er war ein so furchtbarer Mensch“, sagte er im Magazin „Rolling Stone“, „mein Vater hatte stets einen sorgfältig ausgeklügelten Plan des Bösen.“ Dieser habe „fast jede denkbare böse Tat“ begangen.

Das Private mit dieser Wucht ins Öffentliche zu ziehen, hatte etwas von Franz Kafkas berühmtem „Brief an den Vater“, den der Schriftsteller im Jahr 1919 verfasste. „Gegen dich hatte ich ja gar keine Möglichkeit, auch nur mich zu wehren, schon dein bloßer Blick hat mich verwirrt.“ Der Unterschied ist, dass Kafka, dieser meisterhafte Chronist von Entfremdungen, seinen Brief nie abschickte, der Vater ihn nie zu lesen bekam.

Vor zwei Jahren konkretisierte Musk seine Vorwürfe im Gespräch mit dem Journalisten Walter Isaacson. „Ich musste eine Stunde lang stillstehen, während er mich anschrie und mich einen Idioten und nutzlos bezeichnete“, wird der Milliardär in Isaacsons herausragender Biografie „Elon Musk“ zu einer Schelte nach einer Schlägerei zitiert.

Derartige Beschimpfungen, Wutausbrüche und Erniedrigungen habe es regelmäßig gegeben. „Es war mentale Folter“, beschreibt Elon Musk in dem Buch über seine Kindheit, „Widrigkeiten haben mich geformt.“ Musks Mutter Maye, die der Sohn kürzlich seine „von Anfang an größte Unterstützerin“ nannte, behauptete gegenüber Isaacson, ihr Ehemann habe sie während ihrer Ehe mehrfach geschlagen – ein Vorwurf, den dieser als „Blödsinn, ein Märchen“ bestreitet. „Das Buch ist voller Fehler, von Anfang bis zum Ende.“ Darunter die Darstellung seines Sohnes, er habe auch gegen ihn einmal die Hand erhoben.

Errol Musk blickt auf, legt die Fotos zur Seite. Streng gewesen sei er sehr wohl, sagt er. „Wissen Sie, Jungs sind Jungs, da muss man hart sein. Firlefanz gab es nicht.“ Und weiter: „Sie müssen lernen, für sich einzustehen.“ Das sei einfach so in Südafrika. „Jeder in diesem Land wird verstehen, was ich meine.“ Die Jugend von Elon sei da keine Ausnahme.

Biograf Isaacson, der den Unternehmer zwei Jahre lang begleitete, stellt es anders dar: „Im Fall von Elon Musk blieb der Einfluss seines Vaters auf seine Psyche trotz vieler Versuche, ihn zu verbannen, bestehen“, schreibt der Autor. „Anders als sein Vater ist er fürsorglich mit seinen Kindern, doch in anderer Hinsicht deutet sein Verhalten darauf hin, dass er – wie es seine Mutter ausdrückt – ,zu seinem Vater werden könnte‘.“

Zu Gast in Langebaan

Elon Musk fasziniert und polarisiert wie kaum ein anderer: Visionär und Provokateur, Technik-Genie und Selbstdarsteller. Er baut Autos, die Mobilität auf der Erde revolutionieren – und Raketen für den Mars. Mit Starlink spannt er ein Satellitennetz rund um den Globus. Seine Tweets bewegen Börsen und Debatten. Und letztlich Twitter selbst, das er kurzerhand kauft.

Die Grenze zum politischen Akteur überschreitet er endgültig beim Schulterschluss mit Donald Trump im US-Wahlkampf, seinem Wirken als Beauftragter für Regierungseffizienz, dem vor wenigen Monaten die Entzweiung mit dem Präsidenten folgt. Sein Weg ist ein Drama, das unablässig neue Akte hervorbringt.

Der Mann, der das Leben seines Sohnes bis heute überschattet und vielleicht auch ein Stück weit erklären kann, lebt im Küstenstädtchen Langebaan. Etwa 25.000 Einwohner hat der Ort, bei Kapstädtern ist er als Wochenendziel beliebt. 90 Minuten dauert die Fahrt von dort, vorbei an langweiligen Vororten, einigen Townships und endlosen Farm-Zäunen.

In einer ruhigen Straße liegt das Anwesen von Errol Musk. Die sandfarbene Villa wirkt mit ihren langen Terrassen und flachen Dächern modern und vornehm, aber nicht pompös. An der Klingel vor dem Eingangstor fehlt, wie an so ziemlich allen Häusern in Südafrika, das Namensschild. Hinter dem elektrischen Zaun trimmt ein simbabwischer Gärtner stoisch Strelitzien und Palmen.

Es vergeht etwas Zeit, bis sich etwas tut, was durchaus ins Bild passt. Die erste Zusage für einen Besuch erfolgte Mitte Mai, dann reagierte Musk auf keine Nachrichten mehr. Einen Monat später schrieb er: „Ich bin gerade aus Russland zurückgekommen.“ Im Juli vertröstete er erneut, er sei wieder unterwegs, gerade in Österreich. Er will ein Institut für Langlebigkeitsstudien eröffnen und sucht nach einem Standort, traf dafür in Serbien auch die Familie von Tennis-Star Novak Djokovic. Mitte August stimmte er dann dem Gespräch zu.

Neben dem Eingang öffnet sich eines der beiden Garagentore. Musk tritt heraus, leger gekleidet, zur Anzughose trägt er Sandalen, schwarzes T-Shirt und Strickjacke, die grauen Haare flüchtig nach hinten gekämmt. Er, der für selbstbewusste Aussagen bekannt ist, wirkt äußerlich nicht eitel. Als die Fotografin später vorschlägt, für einige Bilder Hemd und Jackett anzuziehen, willigt er achselzuckend ein: Heutzutage achte doch keiner mehr auf das äußere Erscheinungsbild.

„Es ist einfacher hierum durch die Garage als durch den Eingang“, sagt er lächelnd. Er führt vorbei an einem Bentley, einem älteren Rolls-Royce und einem leeren Vogelkäfig, geleitet seine Gäste nach oben in die Lounge, in der mehrere Sofagruppen mit Meerblick stehen. Errol Musk lehnt sich in der offenen Küche an eine Anrichte mit altmodischer Holzvertäfelung. Vor sechs Monaten sprachen hier weiße Farmer vor – ob er sich bei seinem Sohn für ihre Belange einsetzen könne, erzählt er. Ob der mal mit Donald Trump reden könne, Einfluss auf südafrikanische Gesetze nehmen könne, die sie als Benachteiligung der Weißen wahrnehmen. Errol Musk erwiderte, das sei Zeitverschwendung, sie sollten lieber das Asylprogramm annehmen. Die Botschaft der Farmer richtete er seinem Sohn später aber dann doch aus.

Allzu viel sprechen sie allerdings noch nicht. Der Vater erzählt, dass sich das Verhältnis zuletzt gebessert habe, „es ist gut genug – es ist so, wie ich es will“. Er kommuniziere derzeit „regelmäßig“ mit ihm, meistens über kurze WhatsApp-Textnachrichten. Das letzte wirkliche Gespräch aber ist schon wieder fast zwei Jahre lang her.

Aber das sei normal bei Vätern und Söhnen.

Elon, das Kind

Es gibt einige Parallelen im Leben der beiden Männer, etwa der – auch als eine Art moralische Verpflichtung dargestellte – Wunsch nach vielen Kindern. Errol Musk hat sieben, Elon Musk, soweit bekannt, 14 – und eigene Erfahrung mit komplexen Vater-Kind-Beziehungen. Seine trans Tochter Vivian Jenna hat sich von ihm wohl noch brachialer gelöst als er selbst zwischenzeitlich von seinem eigenen Vater. „Wer christlich denkt, akzeptiert Menschen für das, was sie sind“, riet Errol Musk damals seinem Sohn.

Dann gibt es da außerdem den ausgeprägten Sinn für Unternehmertum, die konservativen und libertären Ansichten sowie starke Stimmungsschwankungen. Und die harte Kindheit, wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen. Errol Musk kommt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Pretoria zur Welt, die Mutter eine Geflüchtete aus England, der Vater ein vom Krieg gezeichneter Veteran, der aufseiten der Alliierten gekämpft hatte. In zwei Zimmern lebt die Familie in bescheidenen Verhältnissen. Als Kind schläft Errol auf einer verrauchten Couch, die einmal halb abbrannte, als jemand mit einer Zigarette im Mund darauf einschlief.

Für heutige Begriffe war es eine raue Jugend, für ihn selbst Normalität in einer Welt, in der Kinder still zu sein hatten. In der Schule fällt Errol mit Zeichentalent und Intelligenz auf, überspringt eine Klasse, die Armut aber bleibt allgegenwärtig. „Als Junge wurde ich manchmal zu Geburtstagsfeiern eingeladen und konnte kaum fassen, wie gut andere Familien lebten“, erinnert er sich. „Da habe ich wohl den Entschluss gefasst, es selbst einmal zu etwas zu bringen.“

Er wird Ingenieur, ein begnadeter noch dazu, wie es auch Elon Musk mehrfach betont hat. Und einer, der einen Blick für Chancen hat. Mit 23 gründet Errol Musk seine eigene Firma für Elektromechanik, entwickelt auch Immobilienprojekte, wird Lokalpolitiker, arbeitet 100 Stunden die Woche. „Wie Elon in dem Alter“, sagt er. „Ich habe damals alles mit den Kindern meiner Frau Maye überlassen.“ Mit 26 kauft er eines der besten Häuser in Pretoria – heute Residenz des EU-Botschafters –, ein sichtbarer Beweis dafür, dass er den Aufstieg geschafft hatte.

Am 28. Juni 1971 wird Elon geboren. Acht Jahre später geht die Ehe in die Brüche. Kurz lebt Elon bei der Mutter, im Alter von zehn bittet er um den Umzug zum Vater. Der erwirbt Anteile an einer Smaragdmine, fährt seine Kinder im Rolls-Royce zur Schule. Es gibt Pferde, ein Flugzeug, eine Yacht, viele Reisen, sogar einen Privatkoch. „In meinen Augen war Elon sehr privilegiert, er hatte alles, was er wollte“, erklärt der Vater. Für ihn ist das ein Synonym für eine glückliche Kindheit.

Errol Musk sagt, dass er mit Elon damals nie wirkliche Probleme hatte – außer, dass sein Sohn „ein wenig anders“ war. Bereits als kleiner Junge habe er eher die Gesellschaft von Erwachsenen gesucht, statt mit Gleichaltrigen zu spielen. „Wenn wir irgendwo hingingen, hieß es: ‚Ich komme lieber mit dir, Dad‘.“

Einmal fordert ihn ein Erwachsener auf, mit anderen Kindern draußen zu spielen, doch Elon, damals elf Jahre, bleibt sitzen und erwidert kühl: „Was bist du, dumm oder so? Ich sitze hier.“ Der Vater nimmt ihn danach zur Seite und erklärt, dass man andere nicht einfach so beschimpfen dürfe. „Aber er war ein Idiot.“ – „Ja, stimmt, aber das spricht man eben nicht aus.“ In Südafrika bekomme man dafür als Antwort schnell eine Faust ins Gesicht.

Elon habe diesen Zug nie abgelegt: „Er nennt Leute noch immer sehr schnell dumm“, sagt Errol Musk, „damit kannst du in Schwierigkeiten geraten.“

Eine Szene aus der gleichen Zeit gilt dem Vater als Beleg für die frühe Entschlossenheit des Sohnes. Es ist das Jahr 1982, Elon hat in der Zeitung eine Anzeige entdeckt: ein Kurs an der Universität Witwatersrand in Johannesburg über dieses neue Wunderding „PC“, den Personal Computer von IBM. „Ich muss das machen, Dad!“, drängt er. Der Kurs ist für Erwachsene, die Organisatoren erlauben dem Jungen aber die Teilnahme an der Einführungsvorlesung, unter der Bedingung, dass er still am Rand sitzt.

Als der Vater ihn zwei Stunden später abholt, ist Elon unauffindbar. Dann entdeckt er ihn im Hörsaal: Ärmel hochgekrempelt, Krawatte gelockert, mitten im Gespräch mit Männern in grauen Anzügen. Ein Professor spricht Errol Musk an: „Dieser Junge braucht so ein Gerät.“ Wenig später verhandelt der Vater einen Rabatt für Elons ersten Computer. Er habe ein Sechstel eines Mercedes gekostet.

Schon nach einem Jahr habe Elon sich das Programmieren selbst beigebracht. Auch das ziehe sich bis heute durch, sagt Errol Musk: Bei Tesla, SpaceX oder früher bei PayPal gebe es nichts, was er nicht genauso gut beherrsche wie die Leute, die dort arbeiten. „Er könnte jede Aufgabe selbst übernehmen, wenn er wollte.“

Im Alter von 17 Jahren bricht Elon Musk nach Kanada auf, studiert später in den USA. Der Vater behauptet, er habe Elon erst auf die Idee gebracht, nach Amerika zu ziehen – und dafür seine Kontakte bei der US-Botschaft in Pretoria spielen lassen. Das stimmt wahrscheinlich nicht. In Isaacsons Buch heißt es, es sei eine Art Flucht gewesen, Errol Musk habe zunehmend im Stil von „Jekyll and Hyde“ agiert: „Zeitweise jovial und lustig, aber manchmal finster, verbal missbräuchlich und besessen von Fantasien und Verschwörungstheorien.“

Tatsächlich hat Elon Musk zu dem von seinem Vater beschriebenen Zeitpunkt längst sein Ticket gekauft, nachdem er sich auf eigene Faust einen kanadischen Pass besorgt hatte, dank der Mutter, die von dort stammt. Seiner Darstellung zufolge habe ihn sein Vater beim Abschied folgende Worte mit auf den Weg gegeben: „Du wirst da niemals Erfolg haben.“ In einigen Monaten werde er wieder zurückkehren.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Anekdote von Errol Musk im anderen Licht. Bei Familienfeiern habe Elon erklärt, er wolle unbedingt reich werden, erzählt er. Als ein Erwachsener einwirft, Geld allein mache nicht glücklich, kontert der Elfjährige mit einem Satz, der sich bei seinem Vater eingebrannt hat: „Ja, aber wenigstens werde ich mein Unglück angenehmer ertragen.“

Elon, der Getriebene

Zip2 war das erste große Internetunternehmen der Brüder Elon und Kimbal Musk – und nach Errol Musks Darstellung auch mit seinem Geld möglich geworden. Mitte der 1990er-Jahre verkauft er seine Hochseeyacht für 40.000 Dollar. Weil Auslandsüberweisungen aus Südafrika kurz nach dem Ende der Apartheid aus Sorge vor Kapitalflucht streng reguliert sind, arrangiert er den Transfer der Summe über einen Bekannten in Israel. Elon Musk hat die Rolle des Vaters heruntergespielt und in Interviews betont, das Unternehmen sei ohne elterliche Hilfe aufgebaut worden.

Mit Ende 20 sind die Gebrüder Elon und Kimbal Musk bereits Multimillionäre. Doch anstatt sein Geld abzusichern, investiert Elon 15 Millionen Dollar auf einen Schlag in sein nächstes Projekt; ein Online-Bezahldienst, der später als PayPal bekannt wird. Der Vater ist damals skeptisch: „In meiner Generation hätte man vielleicht zehn Prozent riskiert – aber nicht alles.“

Doch bei seinen Besuchen in Kalifornien sieht er, wie das Büro seines Sohnes rasant wächst: aus vier Angestellten werden Hunderte, bald über Tausend. Privat spricht Elon vom Mars, vom Bau einer eigenen Rakete. Für den Vater klingt das wie ein Traum aus Kindheitstagen. Erst später wird ihm klar, wie ernst es dem Sohn ist. Und wie teuer.

Nach dem Verkauf von PayPal steht Elon Musk Anfang der 2000er-Jahre mit rund 180 Millionen Dollar da und investiert wieder einen Großteil in den Bau von elektrischen Autos als Hauptinvestor bei Tesla und Raketen – es ist der Beginn von SpaceX. „Niemand, den ich kenne, würde 100 Millionen Dollar in eine völlig neue Idee stecken“, sagt sein Vater rückblickend.

Fehlstarts bringen das Unternehmen an den Rand des Scheiterns. Erst beim vierten Versuch gelingt der Durchbruch – und damit die Rettung. „Wenn diese Rakete nicht geflogen wäre, wäre es vorbei gewesen“, wiederholt Errol Musk ein Zitat seines Sohnes. Stattdessen wird SpaceX zum bedeutendsten Raumfahrtunternehmen der Welt.

Sollte die Tochterfirma Starlink eines Tages an die Börse gehen, glaubt der Vater, könnte sein Sohn den Schritt vom reichsten Mann der Gegenwart – das „Forbes“-Magazin schätzt ihn auf 423 Milliarden US-Dollar – zum ersten Billionär der Geschichte vollziehen. Errol Musk ist überzeugt, dass es so kommen wird.

Er hatte schon einmal recht mit einer solchen Prophezeiung: an einem Nachmittag im False Bay Yacht Club bei Kapstadt, Mitte der 2000er-Jahre. Errol Musk sitzt auf seinem Segelboot, als Freunde von ihren Reisen erzählten und Neuigkeiten über seinen Sohn mitbrachten. „Weißt du eigentlich, dass Elon inzwischen 672 Millionen Dollar wert ist?“, fragt einer. Der Vater antwortet fast beiläufig: „Elon wird nicht aufhören, bis er die Nummer eins ist.“

Elon, der Mächtige

Errol Musks 70. Geburtstag vor neun Jahren, ein Restaurant in der Kapstädter Innenstadt, die Familie aus aller Welt angereist, darunter sein Sohn Elon sowie andere Prominente aus dem Silicon Valley und Hollywood. Die Stimmung ist ausgelassen. Bis einer ruft, von ganz hinten am Tisch: „Du unterstützt doch Trump, oder?“

Errol Musk hat den fast gleichaltrigen Trump früh kennengelernt, bei einer Reise mit anderen südafrikanischen Immobilienunternehmern nach New York Ende der 1970er-Jahre. Sie saßen zusammen bei Tee und Kuchen, Trump war ein höflicher Gastgeber. Nun, im Mai 2016, gefällt Musk die Idee, dass ein Unternehmer US-Präsident werden könnte.

„Definitiv“, ruft er über den Tisch zurück – und erntet schallendes Gelächter, als hätte er einen Witz erzählt. Elon, der zu diesem Zeitpunkt als „Demokraten-Fanboy“ („LA Times“) gilt, bleibt stumm. Erst später, draußen im Garten des Restaurants, stellt er gemeinsam mit seinem Bruder Kimbal den Vater zur Rede. „Trump ist bösartig, Dad“, sagt er, „hättest du nicht einfach schweigen können?“

Errol Musk erzählt den Vorfall im ruhigen Ton und gestenarm – aber die Genugtuung, von seinem Sohn später in gewisser Weise recht bekommen zu haben, ist ihm anzumerken. Zwei Wochen vor der Familienfeier hatte Elon Musk in einem Bloomberg-Interview Donald Trump als „nicht den richtigen für den Job“ genannt.

Das ändert sich im Wahlkampf vor Trumps zweiter Amtszeit. Nach dem Attentat im Juli 2024 erklärt Elon Musk auf X: „Ich spreche Präsident Trump meine uneingeschränkte Unterstützung aus und wünsche ihm eine rasche Genesung.“ Dem Amtsinhaber Joe Biden steht der Milliardär da längst feindselig gegenüber, seine Kritik an der in Musks Augen woken Politik des Demokraten war immer lauter geworden, die ideologische Schnittmenge mit Trump gewachsen.

Errol Musk freut sich, als sich sein Sohn ins Trump-Lager begibt – er hält den neuen Mann im Weißen Haus für „den erfolgreichsten Menschen der Welt: beruflich, politisch, privat“. Es gebe keinen Zweifel daran, dass Elon der „wichtigste Grund“ für seinen Wahlsieg war, sagt der Vater.

In seinen Ansichten steht Errol Musk der MAGA-Basis nahe, bisweilen gehen sie darüber hinaus. Barack Obama sei nicht in den USA geboren, behauptet er, hätte entsprechend nicht Präsident werden dürfen. Für derartige widerlegte konspirative Erzählungen ist er durchaus empfänglich.

Offenbar auch für Instrumentalisierungen. Bei seiner Russland-Reise im Juni sitzt der 79-Jährige bei einer Podiumsdiskussion neben dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Ein Oligarch hat ihn zu der „Zukunftskonferenz“ eingeladen, vier Tage lang – auch der amerikanische Verschwörungstheoretiker Alex Jones ist da.

Eine seiner Töchter sei ebenfalls eingeladen gewesen, sagt Errol Musk, aber Elon habe sie von der Reise abgehalten. „Ich bin dann allein geflogen, und es war fantastisch. Moskau ist die schönste Stadt der Welt, London ein schäbiges Dorf dagegen. Und jede einzelne Frau dort ist ein Model – es gibt da keine fetten Frauen, keine hässlichen Frauen.“

Als PR-Coup des Kremls will er die Einladung nicht verstanden wissen und bedient doch die gängigen Narrative der Moskauer Propaganda. Lawrow habe ihm erklärt, dass Menschen im Donbass von der ukrainischen Regierung als „Kreaturen“ diffamiert worden seien, die es zu beseitigen gelte. Russland habe deshalb keine Wahl gehabt – habe eingreifen müssen, um die russischsprachige Bevölkerung in der Ostukraine zu „retten“. Die Vereinten Nationen fanden keinerlei Belege für die von Lawrow beschriebenen „Eliminierungspläne“.

Musk nennt Präsident Wolodymyr Selenskyj „den Komiker“. Diese Meinung teile auch sein Sohn. Auf Nachfrage räumt er ein, dass er mit ihm nicht über die Ukraine gesprochen habe, verweist stattdessen auf einen Tweet aus dem Februar: Darin beschimpfte der Milliardär die Regierung in Kiew als „widerliche Betrugsmaschine, die sich an den toten Körpern ukrainischer Soldaten bereichert“.

Auch zum öffentlichen Zerwürfnis mit Donald Trump ab Ende Mai hat der Vater eine klare Meinung. „Wenn du jemand bist, bei dem schon eine beiläufige Bemerkung genügt, und alle stürzen sich darauf, dann steigt dir das irgendwann zu Kopf“, sagt er über seinen Sohn. Dieser habe entsprechend geglaubt, er könne es politisch mit dem Präsidenten aufnehmen. „Er landete auf Platz zwei. Trump hat ihm eine Lektion erteilt. Elon bekam von der älteren Generation eine Lektion erteilt.“ Eine in Realpolitik. „Es geht nicht immer darum, das Richtige zu tun, sondern am nächsten Tag noch da zu sein.“ Elon habe lernen müssen, dass „aus Wut entstandene“ Entscheidungen in diesem Feld gefährlich sind. Die aus Errol Musks Sicht „dummen“ Pläne für die Gründung einer eigenen Partei, der „America Party“, habe Elon begraben.

Er glaubt, dass sein Sohn bald wieder im Lager der Republikaner mitmischen wird. Der Wahlkampf, die Zeit der Effizienzbehörde DOGE – „all das kann schon hypnotisierend oder fesselnd sein. Politik ist wirkliche Macht“.

Das Verhältnis zwischen seinem Sohn und Trump sei inzwischen wieder weitgehend entspannt. „Es ist schon wieder geflickt, da gibt es keinen großen Ärger mehr.“ Offiziell bestätigt ist das nicht. Angesichts der eher spärlichen Kommunikation fragt man sich bisweilen, ob der Vater wirklich immer so genau Bescheid weiß, wie er behauptet. Als er im April in den USA war, traf er seinen Sohn nicht.

Ihm sei früh klar gewesen, dass sich Elon im Orbit von Trump angreifbar mache. Schaden für die Konzerne des Sohnes befürchtete der Vater nicht, „dafür waren sie zu etabliert“. Vielmehr beschäftigt ihn dessen Sicherheit.

Elon sei es gewohnt gewesen, bewundert zu werden. Mit dem Schritt ins politische Terrain habe sich die Stimmung gewandelt. Es gab eine Umfrage, die Elon Musk als den „meistgehassten Mann Amerikas“ darstellte. Die Stimme des alten Mannes wird etwas leiser. „Da war ich schon besorgt. Ich habe ihn gefragt, ob er gutes Sicherheitspersonal habe. Er antwortete nur: ja.“

Drei Stunden dauert das Gespräch im Wohnzimmer nun. Zum ersten Mal ist aufrichtige Sorge eines Vaters zu spüren.

Elon, der Sohn

Es gibt im Haus in Langebaan einige Gegenstände, die auf Gründe für das immer wieder angespannte Verhältnis hinweisen. Ein Modellsegelboot etwa, an dem Errol Musk manchmal mit seinem heute achtjährigen Sohn bastelt. Er stammt aus seiner Beziehung mit der eigenen Stieftochter Jana, die seine zweite Frau Heide einst als kleines Kind mit in die Ehe gebracht hatte.

Er habe sie nach seiner Trennung von der Mutter viele Jahre nicht gesehen, sagt Musk. Bis die Stieftochter 2016, inzwischen 30 Jahre alt, in einer privaten Krise um Unterkunft bittet. Sie wird schwanger. Als das Baby zur Welt kommt, ist Errol Musk 71. Er informiert Elon und dessen Geschwister. „Kimbal meinte, so etwas passiert eben. Es ist nicht das Ende der Welt. Mit Elon habe ich darüber nie wirklich gesprochen. Es gibt da nichts zu besprechen. Er interessiert sich nicht für solche Dinge.“ Die Töchter seien da viel besorgter gewesen: „Sie haben gesagt: Wow, das geht doch nicht.“

An der Treppe zur Lounge ist ein Kinderzaun, zum Schutz eines weiteren Kindes mit Jana; die Tochter wurde vor zwei Jahren geboren. Die drei wohnen nicht in dem Haus, sondern im Nachbarort. Mit Jana ist er nach wie vor zusammen, sie führten eine „gereifte Beziehung“. Sie besuche ihn „zweimal die Woche, wir ziehen die Kinder zusammen auf“.

Den einzigen wirklichen Bruch mit seinem Sohn hat es Errol Musk zufolge nur Anfang der 2000er-Jahre gegeben. Da lädt Elon seinen Vater und dessen Frau und Kinder ein, in die USA zu ziehen. Er habe „alles für uns organisiert“, erzählt Errol Musk, Villa, Luxusauto, Einrichtung. Seine Frau aber sei an der Einsamkeit verzweifelt. Abrupt kehrte die Familie zurück, angeblich gegen den Willen von Elon. Dieser habe erbost die zurückgelassenen Besitztümer der Heilsarmee übergeben, habe mitgeteilt, seinen Vater nie wieder sehen zu wollen.

Doch auch hier weichen die Wahrnehmungen deutlich voneinander ab. Biograf Isaacson zufolge habe es zahlreiche Konflikte gegeben. Elon Musk habe versucht, seinen Vater zu verändern, mit „Drohungen, Belohnungen und Diskussionen“. Letztlich sei es der Sohn gewesen, der Errol Musk aufgefordert habe, nach Südafrika zurückzukehren.

Unstrittig ist, dass sich die beiden Männer nach Bekanntwerden der Beziehung mit Jana Ewigkeiten nicht sehen. Sieben Jahre lang. Dann, Ende 2023, lädt ihn Elon in die USA ein, anlässlich eines Testflugs des Raketensystems Starship. Familientreffen und Mission verlaufen erfolgreich, es gibt fröhliche Bilder. Auf einem posiert Errol Musk sogar Arm in Arm und lächelnd mit seiner Ex-Frau Heide. Sie erzählt danach einem Reporter: „Errol war überglücklich, Elon zu sehen, und auch Elon wirkte sehr froh, seinem Vater zu begegnen.“ Die Familie habe geweint.

Bei der After-Party spielt sich dann laut Errol Musk Folgendes ab: Sein Sohn unterbricht das Programm, legt den Arm um seine Schultern – und stellt ihn der Menge vor. „Das ist mein Vater“, sagt er. „Er hat mir alles beigebracht, was ich über Ingenieurkunst weiß.“

In seinem Haus blickt Errol Musk einige Sekunden schweigend auf die vergilbten Kinderfotos auf dem Tisch. Der Moment hat ihn berührt. Wie auch das Geschenk, das in der Garage steht – den Bentley hat im vergangenen Jahr Elon Musk bezahlt. So wie auch eine Herz-OP vor einigen Jahren.

Justine Musk, die Ex-Frau von Elon Musk, hat einen Satz von beklemmender emotionaler Tiefe über den Milliardär gesagt: „Im Inneren ist er noch immer das Kind – ein Kind, das vor seinem Vater steht.“ Nun, mit den Fotos in der Hand, aber wirkt es so, als stünde der Vater vor seinem Sohn. „Manchmal denke ich, es wäre schön, ihn hier zu haben, ein bisschen Gesellschaft zu haben, vielleicht ein Spiel zu spielen“, sagt er, „das wäre schön.“

Ist da auch Stolz in den Augen? Nun, die Tatsache, dass Zweidrittel aller aktiven Satelliten von SpaceX stammen, sei „schon ein bisschen beeindruckend“. Noch so ein kurzer Moment der Stille.

Dann findet der Vater zu seiner Härte zurück. Privat sei Elon nicht unbedingt erfolgreich. „Man sagt ja: Hinter jedem wirklich erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Aber bei Elon ist das nicht so, auch wenn er versucht hat, so eine Frau zu finden.“ Und er möge Stolz nicht, wer tue das schon, es handele sich schließlich um eine der sieben biblischen Todsünden. Zumindest empfinde er keinen angesichts des enormen Reichtums seines Sohnes „Klar könnte Elon jeden Abend vier Steaks essen, weil er reich ist. Aber welcher Mensch kann vier Steaks essen?“

Dann fällt ihm doch eine Sache ein, die ihn so etwas wie stolz macht. Keines seiner Kinder käme mit irgendwelchen Wehwehchen oder Gejammer zu ihm. Für Errol Musk ist das ein Zeichen von Stärke. „Das finde ich schön so.“