Flugzeug-Schmuggel: Wie der Iran den Westen austrickst

Seit Jahren kommen die Mullahs wegen der internationalen Sanktionen nur über kriminelle Umwege an westliche Flugzeuge. Nun landeten fünf Boeing 777 im iranischen Besitz – dank offizieller Papiere aus Madagaskar. Dort fürchten sie nun die Wut von Donald Trump. Eine Spurensuche
Der Mann, der Madagaskar angeblich zwischen die Fronten im Konflikt der USA mit dem Iran manövriert hat, weist jede Schuld von sich. „Ich war an keiner irregulären Aktivität beteiligt“, behauptet der vor einigen Tagen geschasste Verkehrsminister Valéry Ramonjavelo am Telefon. Mehr könne er aktuell nicht sagen, es laufen Ermittlungen einer Kommission.
Ramonjavelo wurde entlassen, weil er angeblich dem Iran bei der von Sanktionen erschwerten Aufstockung seiner Flugzeugflotte geholfen hat. Die seinem Ministerium unterstehende Luftfahrtbehörde (ACM) hatte im Januar eine vorläufige Registrierung für fünf Boeing 777 Flugzeuge ausgestellt, ihre indischen Besitzer wollten sie den Papieren zufolge in Kenia warten lassen. Stattdessen landeten die Flieger im Iran. Die ACM hat die Registrierung für drei Monate zugegeben – in den Iran sei das Flugzeug aber wegen einer gefälschten Verlängerung der Papiere gelangt.
Die Mullahs haben jedenfalls inmitten des Konflikts mit den USA Flugzeuge eines amerikanischen Konzerns ins Land geschleust. Dort werden sie nun von der privaten Fluggesellschaft “Mahan Air” betrieben,. Ein klassischer Blutdruck-Treiber für US-Präsident Donald Trump.
Bis zur Islamischen Revolution bestand die iranische Flotte fast ausschließlich aus Boeing, billig erworben von Schah Mohammad Reza Pahlavi, damals ein enger Verbündeter der USA. Seit dessen Sturz aber dürfen auch über Umwege keine strategisch wichtigen US-Güter in den Iran gebracht werden. Staaten, die dabei helfen, riskieren laut US-Gesetzen finanzielle und wirtschaftliche Sanktionen.
Auch europäische Länder verbieten derart sicherheitsrelevante Exporte. Entsprechend ist der irangezwungen, kreative Wege zu finden, um westliche Flugzeuge oder Ersatzteile zu erwerben. Ein herausragendes Beispiel ist der Kauf von 100 Flugzeugen des europäischen Konsortiums Airbus durch Iran Air im Jahr 2016, der nach der Lockerung der internationalen Sanktionen im Rahmen des Atomabkommens (JCPOA) erfolgte. Doch als die USA unter Trump 2018 aus dem Abkommen auszutreten und neue Sanktionen verhängten, wurden die Lieferungen gestoppt.
Um den Beschränkungen zu entgehen, griff der Iran zu immer raffinierteren Methoden. So wurden mehrere Airbus-Maschinen, die ursprünglich für Usbekistan bestimmt waren, 2022 illegal nach Iran umgeleitet, indem die Transponder der Flugzeuge abgeschaltet wurden. Auch in anderen Fällen gelang es, Flugzeuge über Drittländer wie China zu erwerben. Und im vergangen Jahr wurden zwei Airbus A340 über Gambia illegal in den Iran gebracht.
In einem Büro an einer belebten Straße in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo sitzt ein Mann, der keinen Zweifel daran hat, dass im aktuellen Fall Korruption bis in höchste Regierungskreise stattfand. Der Unternehmer Andry Raobelina besaß einst selbst eine Fluggesellschaft. Dann aber trat er als Berater eines politischen Rivalen von Präsident Andry Rajoelina auf, registrierte sich bei den letzten Wahlen selbst als Kandidat. “Seitdem bin ich meine Lizenz los”, sagt er. Es bleiben ihm seine drei Fernsehsender. Hinter dem Schreibtisch flimmert auf Bildschirmen das Programm.
Früher hat er solche Papiere selbst beantragt. “Unseren Gesetzen zufolge hätten vorher die Wartungsstätten in Kenia geprüft werden müssen”, sagt er, “das war nicht der Fall, für mich ist Korruption die einzige Erklärung.” Der Präsident segne schon den Kauf jedes einzelnen Autos für die Regierung ab. “Und da will er nichts von einem so bedeutenden Vorgang gewusst haben? Ich bitte sie, das ist doch unmögich.”
Das jährliche Handelsvolumen des zu 90 Prozent von Christen bewohnten Madagaskar mit dem Iran erreicht nicht einmal eine Million Dollar. Umso überraschender erschien es im vergangenen Jahr, als Präsident Rajoelina seinen Vertrauten Joël Randriamandranto nach Teheran schickte, dem Leiter der Organisation, die für die Registrierung von Flugzeugen zuständig ist. In Antananarivo wird gemunkelt, dass sich der US-Auslandsgeheimdienst CIA mit dem Vorgang befasst – und der Frage, ob die Flugzeuge womöglich sogar mit Waffen beladen waren.
Das internationale Vertrauen in die Regierung von Präsident Rajoelina hat in den vergangenen Jahren gelitten. So ist die Kritik der Europäischen Union ist spürbar schärfer geworden. Vor allem der Ablauf der Präsidentschaftswahl 2023 sorgte für Unmut in Brüssel, die EU-Wahlbeobachter rügten den Missbrauch staatlicher Ressourcen. Auch die mangelhafte Unabhängigkeit der Justiz und der eingeschränkte Raum für zivilgesellschaftliche Akteure wurden zunehmend zum Thema.
Nach Informationen der WELT drohte die EU intern schon vor dem aktuellen Skandal eine Reduzierung der erheblichen Budgethilfe. Eine Stellungnahme der USA steht zudem noch aus. Gerade erst waren die Importzölle für Produkte aus Madagaskar in die USA von den im Februar verkündeten 47 Prozent auf 15 Prozent reduziert worden.
Besonders die in die USA exportierenden Textil-Unternehmer des Landes fürchten, dass ihnen ein ähnliches Schicksal wie Südafrika droht, das wegen seiner politischen Ausrichtung 30 Prozent berappen muss. Unter Rajoelina hat sich Madagaskar zunehmend den BRICS-Staaten zugewandt, zu denen der Iran seit zwei Jahren gehört.
Auch Mialisoa Randriamampianina, Direktorin des malagassischen Büros der Anti-Korruptionsorganisation “Transparency International”, glaubt an eine politische Verwicklung. “Es wurde ein pakistanischer Geschäftsmann verhaftet, der offizieller Berater des Senatspräsidenten war”, sagt sie, “wir haben gemeinsame Fotos der beiden bei offiziellen Terminen vorliegen.”
Die Iran-Lieferung der Boeings in den Iran sei “einer der größten Skandale der vergangenen zehn Jahre – aber längst nicht der einzige.” Es habe eine ganze Reihe von Korruptionsfällen gegeben, im Index der Organisation zur Wahrnehmung von Korruption im öffentlichen Sektor ist das Land auf Rang 142 von 180 untersuchten Ländern abgerutscht. Kürzlich seien zudem ein unliebsamer Journalist und ein Oppositionspolitiker verhaftet worden. “Der Raum für die Zivilgesellschaft sinkt kontinuierlich”, sagt Randriamampianina.
Für die Opposition ist der Fall jedenfalls ein gefundenes Fressen. Im Hauptquartier verbündeter Oppositionsparteien auf einem Hügel in Antanarivo baut ein Dutzend Journalisten ihre Kameras vor Madagaskars ehemaligen Präsidenten Marc Ravalomanana auf.
Der Politiker bezichtigt seinen Nachfolger des “Hochverrats” und der Korruption, “ein Zeichen für tiefere institutionelle Mängel und Korruption auf höchster Ebene.“ In Richtung Washington sagt er gegenüber WELT: “Wir hoffen, dass es keine Kollektivstrafen gibt, wie etwa eine Anhebung der Importzölle. Sanktionen müssen sich gegen die beteiligten Personen richten.”
Mit Flugzeug-Skandalen kennt er sich bestens aus. Der Erwerb eines sündhaft teuren Präsidentenjets trug im Jahr 2009 zu Unruhen bei – und letztlich seinem Sturz.
Der Hersteller der 60-Millionen-Dollar-Maschine: Boeing.




