Christian Putsch

Die Männer, von denen Trumps Friedensplan für den Ostkongo abhängt

Christian Putsch
Die Männer, von denen Trumps Friedensplan für den Ostkongo abhängt

Es sind nicht die von den USA angeleierten Rohstoffdeals, die über ein Ende des Krieges im Ostkongo entscheiden. Sondern Männer wie der ehemalige Rebell Xavier Hakizimana. Der FDLR-Kommandeur desertierte im September und lebt nun in einem Reintegrationscamp in Ruanda – jenem Staat, dessen Regierung er einst stürzen wollte. Ein Besuch.

Als Xavier Hakizimana beschließt zu fliehen, trägt er noch die Verantwortung für Hunderte bewaffnete Männer im Dschungel des Ostkongos. Seit Wochen kreisen seine Gedanken um die Familie, die er zurückgelassen hat, und um die Anrufe seines Onkels aus dem benachbarten Ruanda. „Gib die FDLR auf“, habe der ihm gesagt. „Wenn du rauskommst, werden sie dir nichts tun.“ Ihm, der mit der Miliz einst die Regierung in Ruandas Hauptstadt Kigali stürzen wollte, werde nichts passieren.

Hakizimana hört diese Sätze heimlich am Telefon, immer wieder. In seinem Kopf ist längst klar: Es ergibt keinen Sinn mehr zu bleiben. Die FDLR ist militärisch zurückgedrängt, personell geschwächt, fast hundert Kilometer von der ruandischen Grenze entfernt, die Hoffnung auf die Macht in Ruanda ist verschwunden. Doch jedes Mal, wenn er einen Fluchtplan schmiedet, scheitert er an der Furcht vor den Geheimdienstleuten der Rebellen, an der Angst, entdeckt zu werden. Es wäre sein Tod.

Im September ergibt sich eine Gelegenheit. Der hochrangige FDLR-Kommandeur befiehlt 15 Männern, ihm zu folgen, um versteckte Munitionskisten zu bergen. Sie marschieren stundenlang, graben die Kisten aus, jeder trägt eine. Hakizimana bleibt auf dem Rückweg bewusst zurück, lässt immer mehr Abstand entstehen. Dann, als niemand hinsieht, schleicht er sich davon. In der Nähe sind Truppen der verfeindeten ruandanahen M23-Miliz stationiert. Hakizimana stellt sich. Er wird entwaffnet und an UN-Friedenstruppen übergeben. Die wiederum reichen ihn an Ruanda weiter.

Drei Monate später sitzt er in einem nüchternen Konferenzraum des Mutobo-Camps, eines ruandischen Reintegrationszentrums nahe der Grenze zum Kongo. Als er hier ankam, war von dem Kommandeur kaum mehr etwas übrig: abgemagert, verlaust, psychisch und körperlich ein Wrack. Mehr als zehn Kilogramm hat er seitdem zugenommen. „Es geht mir besser“, sagt Hakizimana, 43. „Ich lebe wieder.“

Das riesige Areal, in dessen langen Gebäuden derzeit rund 200 ehemalige FDLR-Kämpfer untergebracht sind, einige davon minderjährig, ist eine Reaktion auf langlebige Relikte des ruandischen Genozids von 1994. Die Miliz wurde von ehemaligen Hutu-Extremisten gegründet, die in Ruanda rund 800.000 Menschen, vor allem Tutsi, töteten. Nach dem militärischen Sieg der von Exil-Tutsi geführten Truppen unter Paul Kagame flohen die Hutu-Mörder in den Kongo. Dort, im staatlich kaum kontrollierten Osten, fanden sie einen idealen Rückzugsraum. Und immer wieder auch Unterstützung von Teilen der Armee des Kongos, von der die FDLR als Gegengewicht zur M23 aufgebaut wird.

Kagame, Ruandas ewiger Präsident, sieht die heute auf schätzungsweise 3000 bis 5000 Kämpfer geschrumpfte FDLR – es waren mal mehr als doppelt so viele – weiterhin als existenzielle Gefahr für die Tutsi-Minderheit im Kongo, an der sie zahlreiche Massaker verübte. Und als Bedrohung für sein Land, was wohl der wichtigste Grund für einen Krieg ist, den Donald Trump im Handstreich zu lösen gedenkt.

Trump moderierte im Dezember in Washington einen Friedensdeal zwischen Ruanda und dem Kongo, feierlich unterzeichnet von den Präsidenten beider Länder. Mit dem Versprechen milliardenschwerer Investitionen lockt er Kigali und Kinshasa an den Verhandlungstisch – und hofft, mit privilegiertem Zugang zu begehrten Mineralien politisch in den USA zu punkten. Die Kongo-Verhandlungen gehören zu den von Trump am häufigsten angeführten Gründen, warum er den Friedensnobelpreis verdient habe – wovon wohlgemerkt selbst er seit Beginn des Iran-Krieges nicht mehr gesprochen hat.

Wer hier im Norden Ruandas mit Rückkehrern spricht, merkt jedoch schnell: Der Deal hängt weniger an Rohstoffen als an der FDLR-Frage. Immer wieder kam es zu Angriffen, auch auf ruandischem Staatsgebiet, zuletzt 2022, im Jahr 2024 war die Miliz wieder in Grenznähe. Kigali rechtfertigt damit seine harte Sicherheitsdoktrin – und indirekt auch sein Engagement im Ostkongo, wo die von Ruanda unterstützte und überwiegend von Tutsi geführte M23-Miliz große Gebiete kontrolliert.

Auch nach Trumps Friedensdeal hatte Kongos Armee die FDLR-Unterstützung zunächst nicht eingestellt. Und die M23 machte auf der anderen Seite keine Anstalten, sich zurückzuziehen. Im Gegenteil: Mit Uvira eroberte sie vorübergehend eine weitere Stadt im Kongo. Erst nach empörten Reaktionen aus Washington erfolgte der Rückzug aus der Stadt, „im Sinne des Friedens“, wie M23-Anführer erklärten.

Seitdem ist der US-Druck noch deutlich gestiegen. Die Armee der Demokratischen Republik Kongo hat vor einigen Tagen eine Entwaffnungsoffensive gegen die FDLR angekündigt, eine Miliz im Ostkongo, die aus Überresten jener Kräfte hervorgegangen ist, die am Völkermord in Ruanda 1994 beteiligt waren. Der Schritt gilt als zentral für die Umsetzung des von den USA vermittelten Friedensabkommens zwischen Kinshasa und Kigali. Nach jüngsten Sanktionen gegen Ruandas Militär wegen der Unterstützung der M23-Rebellen drängen die USA nun auch den Kongo, die FDLR als zentralen Streitpunkt des Konflikts tatsächlich zu neutralisieren.

Die Miliz wird auch in Ruanda bekämpft, dort friedlich, im Mutobo-Camp. Leiter Cyprien Mudeyi, 59, empfängt Besucher mit der Ruhe eines Mannes, der dem Tod oft begegnet ist. Der hochgewachsene ehemalige Major kämpfte in den neunziger Jahren an der Seite Kagames gegen die Hutu-Extremisten. „Wir haben danach nie zugelassen, dass es Vergeltungsangriffe gab“, sagt er. Viele aktuelle FDLR-Kämpfer seien unter 30 Jahre alt und bereits als Kinder „mit einer grausamen Ideologie“ indoktriniert worden. „Wir versuchen, das rückgängig zu machen.“

Mehr als 12.000 Aussteiger seien hier seit dem Jahr 2001 resozialisiert worden. Unterricht über die Geschichte Ruandas, den Genozid, das politische System, dazu Ausbildung in Schweißen, Schreinerei, Elektrik oder Bauarbeiten. Nach einem Jahr gebe es eine Existenzgründer-Zulage von umgerechnet knapp 300 Euro. „Sie sollen wieder Teil eines Volkes werden, in dem es nur Ruander gibt“, sagt Mudeyi. Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi, so betont er, seien ohnehin kaum zu erkennen.

Zeitweise unterstützten Weltbank und UN das Projekt, inzwischen trägt Ruanda die Kosten allein. Das Gelände mit Schulungsgebäuden und Unterkünften wird weiter ausgebaut, auch mit der Arbeitskraft ehemaliger Milizionäre. „Wenn der Kongo die Unterstützung für die FDLR beendet, ist der Krieg vorbei“, sagt Mudeyi. Dann könnten sich die verbliebenen Kämpfer auf einen Schlag stellen. „Wir wären in der Lage, auch 3000 Aussteiger auf einmal unterzubringen.“ Er hat durchaus Hoffnung, dass es dazu kommt.

Jeden Freitag sendet Ruandas Armee ein Radioprogramm, das bis tief in den Kongo reicht, um FDLR-Kämpfer zur Aufgabe zu bewegen. Wer aufgibt, erhält Handy-Guthaben, um Kameraden ebenfalls zur Kapitulation zu überreden. „Sie erwartet hier kein Gefängnis“, sagt Mudeyi. Im Rahmen des Programms erteilt er vielen der Männern sogar die Erlaubnis, ihre Familien für einige Tage zu besuchen – mit schriftlicher Genehmigung für die Checkpoints. „In vier Jahren ist nur einer geflohen“, sagt er. „Er hatte für die FDLR spioniert.“

Neben dem Camp-Leiter sitzt Hakizimana. Sein Weg in die FDLR begann nicht mit Ideologie, sondern mit Geld. Vor acht Jahren betrieb er in der ostkongolesischen Großstadt Goma ein kleines Warenhaus, später handelte er mit Holz. Wer das in der Region kauft, fährt dorthin, wo der Staat dünn wird: an Waldränder, in Zonen, in denen Männer mit Kalaschnikows entscheiden, wer passieren darf. Dort trifft er FDLR-Kommandeure. Erst Smalltalk, dann Politik. Sie hätten „Führungsqualitäten“ in ihm gesehen, sagt er. Es folgten Versprechen: schneller Aufstieg, ein hoher militärischer Posten, sobald Kigali „zurückerobert“ sei. „Ich gab der Versuchung nach“, sagt Hakizimana – und setzte damit die Zukunft seiner neun Kinder aufs Spiel.

Wie freimütig seine Aussagen sind, bleibt offen, denn der Camp-Leiter hört jedes Wort mit. Doch Hakizimana erzählt weiter, auch über die Finanzierung der FDLR. Sie erhebe Steuern an Checkpoints, verlange Abgaben von Händlern, profitiere vom Holzhandel, vom Bergbau, von Minen. „Auch aus dem Gold.“ Und ohne Zögern sagt er, die kongolesische Armee habe sie unterstützt: mit Waffen und Munition, teils gegen Geld, teils kostenlos. Operationen seien gemeinsam geführt, Bataillone zusammengelegt, Befehle von kongolesischen Offizieren nach unten durchgereicht worden.

Ein Bild lässt ihn nicht los: eine Schlacht, bei der von rund 600 FDLR-Kämpfern nur 130 überlebten. Die M23 setzte Raketen ein, schwere Waffen, erstmals auch moderne Kampfdrohnen. Einer seiner Leute war am Kopf getroffen worden, Hakizimana transportierte ihn ab, für die medizinische Versorgung.

Während er unterwegs war, wurde der Rest der Einheit fast vollständig ausgelöscht. „Wäre ich geblieben, wäre ich wahrscheinlich tot“, sagt er. Wie viele Menschen er selbst getötet hat, weiß er nicht. „Als Kommandeur zählst du nicht, wen du triffst“, sagt er. „Du zählst, wen du verlierst.“

Es waren Tausende im Laufe der Jahre. Zu viele, sagt er.