Christian Putsch

Afrikanische Söldner in Russlands Armee: Gelockt und verheizt

Christian Putsch
Afrikanische Söldner in Russlands Armee: Gelockt und verheizt

Mindestens siebzehn Südafrikaner kämpfen offenbar für Russland in der Ostukraine – rekrutiert über dubiose Netzwerke. Die Spur führt zur Familie von Ex-Präsident und Putin-Freund Zuma. Ein Besuch bei Verwandten

Das Handy vibriert auf dem Tisch einer südafrikanischen Hotellobby. Sandile Ndhlovu wischt über das Display und hebt ab. „Hallo, Bruder“, sagt er auf Zulu, spricht einige Minuten mit seinem Verwandten. Dann reicht er das Telefon rüber. „Du kannst mit ihm reden.“
Die Stimme aus dem Handy-Lautsprecher klingt brüchig, abgehackt. Sipho (Name geändert) ist 40 Jahre alt, Vater von drei Kindern, früher Bodyguard für Lokalpolitiker – und seit Monaten Teil des russischen Angriffskrieges in der Ostukraine. „Die Situation ist nicht gut hier“, sagt er. „Ich will nur nach Hause.“
Wo genau er sich befindet, sagt Sipho nicht. Nur so viel: irgendwo im Donbas, etwa zehn Kilometer hinter der Front. Sechs bis sieben Stunden am Tag gräbt er Schützengräben. Manchmal länger. Geschlafen wird in zerstörten Häusern, aus der Ferne hört er Artillerieeinschläge. Mehrfach entkam er nur knapp Drohnenangriffen.
Zu essen gebe es wenig: Brot, manchmal Nudeln. Viele seien verletzt, er selbst habe eine Beinverletzung. „Aber sie zwingen uns weiterzuarbeiten.“ Zwei Männer aus Botswana, die mit ihnen nach Russland gereist seien, seien vor Monaten in Gefechte geschickt worden und nicht zurückgekehrt. „Es gibt Gerüchte, dass sie tot sind. Niemand sagt uns etwas.“
Sipho gehört zu mindestens siebzehn Südafrikanern, die sich vor einigen Wochen mit Hilferufen aus dem Donbas an ihre Regierung gewandt haben. Sie seien unter falschen Vorzeichen nach Russland gelockt worden. Ihre Angaben, auch die von Sipho, lassen sich nicht unabhängig prüfen. Doch das Präsidialamt in Pretoria hat Untersuchungen eingeleitet.
Der Fall ist Teil eines größeren Musters. Russland rekrutiert seit Monaten systematisch Kämpfer in Afrika. Nach Angaben der ukrainischen Regierung kämpfen mindestens 1400 Männer aus 36 afrikanischen Staaten auf russischer Seite in der Ukraine. Viele von ihnen wurden demnach mit Versprechen auf Ausbildung, zivile Arbeit oder schnelle Aufenthaltspapiere angeworben – und fanden sich später in militärischen Einheiten oder Arbeitskommandos nahe der Front wieder.
Zurück bleiben verzweifelte Angehörige wie Siphos Bruder Ndhlovu, 34. In dem Hotel sitzt der Immobilienmanager neben dem Handy, die Leitung zu seinem Bruder ist gerade abgerissen. Gemeinsam hat die Familie entschieden, öffentlich über den Fall zu reden: Druck auf die Regierung auszuüben, sich für die sichere Rückkehr einzusetzen – und Konsequenzen für diejenigen zu fordern, die dafür verantwortlich seien, dass die Männer in diesem Krieg gelandet sind. Er zeigt Fotos von Sipho mit russischen Militärausbildern, von dessen militärischer Erkennungsmarke.
„Er wollte nur Würde“, sagt Ndhlovu. „Eine Zukunft für seine drei Kinder.“ Zusammen wuchsen sie hier in der Kleinstadt Eshowe auf, rund 150 Kilometer nördlich von Durban. Die Provinz KwaZulu-Natal, zu der ihr Heimatort gehört, gilt seit Jahrzehnten als Hotspot politischer Gewalt. Immer wieder gibt es politische Morde infolge von Machtkämpfen um Ämter oder zur Vertuschung von Korruption. Ndhlovu erzählt, wie Sipho und andere Rekrutierte zumindest gelegentlich im Sicherheitssektor Arbeit fanden, sich als Bodyguards über Wasser hielten.
Der Weg seines Bruders in den Krieg begann im Juli. Sipho hatte zuletzt keine feste Arbeit mehr. Dann kam ein Angebot, vermittelt von einem ehemaligen Kollegen: ein einjähriges VIP-Personenschutztraining in Russland. Unterkunft, Verpflegung, Ausbildung. Danach winkte ein Job in Südafrika als Personenschützer für die noch junge MK-Partei, die vom früheren Präsidenten Jacob Zuma geführt wird. Monatsgehalt: beachtliche 30.000 Rand, rund 1500 Euro.
Es klang nach einer Chance. Sein Bruder habe ihm erzählt, er gehe für ein Sicherheitstraining nach Kenia, sagt Ndhlovu. Tatsächlich flog die Gruppe über Dubai nach Russland. Dort wurde nach einigen Tagen schnell klar, dass etwas nicht stimmte. Nach einem Lehrgang gab es Verträge auf Russisch, ohne Übersetzung.
Das Telefon klingelt, Sipho ist erneut dran, die Störung war nur technischer Natur. „Man sagte uns, das seien nur Formalitäten“, sagt er über das Dokument. „Aber es waren Militärverträge.“ Zunächst weigerten sich die Männer zu unterschreiben. Dann kamen Anrufe aus Südafrika aus dem Umfeld der MK-Partei, mal drängend, mal beruhigend. Am Ende unterzeichneten sie. „Niemand hat gesagt, dass wir in der Ukraine kämpfen sollen“, sagt Sipho. Wochen später wurden sie Richtung Front verlegt.
Der politische Skandal eskalierte, als Duduzile Zuma-Sambudla, Tochter von Jacob Zuma und einflussreiche MK-Abgeordnete, ins Zentrum der Vorwürfe rückte. Eine ihrer Schwestern erstattete Anzeige. Der Vorwurf: Rekrutierung unter falschen Vorzeichen. Im Raum steht der Verdacht hoher Provisionszahlungen. Acht der siebzehn Männer sollen zum erweiterten Zuma-Clan gehören. Zuma-Sambudla trat als Abgeordnete zurück, bestreitet jedoch, wissentlich Söldner angeworben zu haben. Auch die MK-Partei dementiert jegliche Beteiligung.
Es gab fünf Verhaftungen, die Zuma-Tochter war nicht darunter. Sipho hat sie nie getroffen, erhielt jedoch Nachrichten von ihr aus einer WhatsApp-Gruppe, in der versucht wurde, die Männer zu beruhigen. Sie sei die Drahtzieherin, behauptet Sipho. „Sie soll in der Hölle verrotten.“ Dass Zuma-Sambudla zwar zurückgetreten, aber nicht in Haft sei, mache ihn wütend. Ob es dazu noch kommen werde? Sipho klingt resigniert. „Ich bin mir nicht sicher. Diese Leute haben große Namen. Sie regeln Dinge anders.“
Jacob Zuma selbst schrieb einen Brief an den russischen Verteidigungsminister. Darin bittet er um die Herausnahme der Männer aus dem Kampfgebiet. Sie seien getäuscht worden. Ohne Erfolg. Ndhlovu hat gehört, dass die Rückzahlung des Geldes als Bedingung genannt worden sei – das sei nicht geschehen.
Zumas Nähe zu Russland reicht Jahrzehnte zurück, bis in die Zeit seines Exils während des Kampfes gegen die Apartheid. Als Präsident vertiefte er diese Beziehungen strategisch. Besonders umstritten war sein Versuch, Südafrika über ein milliardenschweres Atomabkommen mit dem russischen Staatskonzern Rosatom an Moskau zu binden; er versuchte dabei, das Parlament zu umgehen. Das Finanzministerium verweigerte jedoch die Finanzierung und warnte vor untragbaren Kosten. Endgültig gestoppt wurde das Abkommen 2017 durch ein Gericht. Auch nach Zumas Rücktritt 2018 und dem Bruch mit dem ANC positionierte er seine neue Partei „MK“ öffentlich prorussisch.
Russlands Rekrutierungen beschränken sich nicht auf Südafrika. Berichte aus Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, Uganda, Tansania und Nigeria beschreiben ähnliche Muster: Männer mit militärischer oder paramilitärischer Erfahrung werden über private Vermittler, soziale Netzwerke oder politische Kontakte angeworben. Versprochen werden auch hier Jobs, Ausbildung oder Aufenthaltsgenehmigungen.
Nur wenige dieser Kämpfer kehren jemals zurück. Einige sterben. Andere – die Glücklicheren – geraten in ukrainische Gefangenschaft. Bezeichnend ist jedoch, wie wenig Anstrengungen Russland unternimmt, sie wieder nach Hause zu holen. Nach Angaben ukrainischer Stellen wurde im Jahr 2024 kein einziger afrikanischer Kriegsgefangener ausgetauscht. Moskau habe nie ihre Rückführung verlangt. Und auch viele Herkunftsstaaten halten Abstand: Wer für eine fremde Armee gekämpft hat, dem drohen zu Hause Ermittlungen wegen Söldnertätigkeit.
Zu den wenigen Regierungen, die öffentlich reagierten, gehört Togo. Nachdem mehrere Staatsbürger in der Ukraine gefangen genommen worden waren – darunter Studenten, die mit Stipendien nach Russland gekommen waren –, bestätigte das Außenministerium, dass die Männer mit Versprechen auf Ausbildung und Arbeit getäuscht worden seien. Hilfe werde organisiert, hieß es.
Auch Frauen sind betroffen. In den vergangenen Jahren wurden gezielt junge Frauen aus afrikanischen Ländern für das Programm „Alabuga“ angeworben. Versprochen wurden Ausbildung und gut bezahlte Arbeit in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan. Tatsächlich arbeiteten viele von ihnen in Fabriken, die Komponenten für militärische Drohnen produzieren. Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen sprechen von rund 200 afrikanischen Frauen, die offenbar unter falschen Versprechungen angeworben wurden. Mehrere afrikanische Regierungen leiteten Ermittlungen ein, Plattformen entfernten entsprechende Werbevideos.
Für Ndhlovu zählt nur noch, dass sein Bruder lebend zurückkehrt. Und das Wohl der Mutter. Wenn sie Sipho nicht erreicht, gerät sie in Panik. Einmal war dessen Handy zwei Tage lang stumm. „Ich habe gesagt, alles ist in Ordnung“, sagt Ndhlovu, „aber sie hat es mir natürlich nicht geglaubt.“
Die Mutter verliere immer mehr Gewicht angesichts des Stresses, sagt er. „Sipho muss so schnell wie möglich zurückkommen.“