Tödliche Kritik an Kenias Polizei

Warum der Tod eines Bloggers Kenias Polizei in die Defensive bringt – und junge Kenianer einmal mehr ihr Leben riskieren
Larry Dwayne erinnert sich gut an den Moment, als die Polizisten die Gummigeschosse gegen scharfe Munition austauschten. Die Schreie, sah blutende Demonstranten neben sich. „Es war knapp, ich musste um mein Leben rennen“, erzählt der 33-jährige Musiker und Umweltaktivist aus Kibera, einem der ärmsten Viertel Nairobis, am Telefon. Bei einem der zahlreichen Protestmärsche gegen ein Steuerpaket im vergangenen Jahr stand er in der ersten Reihe. Und damit auf der Abschussliste der Polizei. Es gab Dutzende Tote, erst danach zog die Regierung das Gesetz zurück.
In diesen Tagen geht Dwayne wieder regelmäßig auf die Straße. Der gewaltsame Tod eines Bloggers hat die Wut auf Staat und Sicherheitskräfte in vielen großen Städten neu entfacht, zu Tausenden stellen sich die Menschen den Polizisten entgegen. Der 31-jährige Albert Ojwang war Anfang Juni in seiner Heimatregion Homa Bay festgenommen worden – wegen Verleumdung des stellvertretenden Polizeichefs in den sozialen Netzwerken. Zwei Tage später war er tot. Die Polizei sprach zunächst von Suizid. Doch eine unabhängige Autopsie zeigte schwere innere Verletzungen durch stumpfe Gewalt, die Mediziner schlossen einen Selbstmord aus. Zwei Polizisten wurden daraufhin verhaftet, der angeblich von Ojwang beleidigte Vize-Polizeichef trat zurück, vorerst wohlgemerkt, bis zur Klärung der Umstände.
„Wir sind besser vorbereitet als im letzten Jahr”, sagt Aktivist Dwayne. Keiner bricht mehr ohne ein Notfallpaket auf. Bandana-Gesichtstücher gegen Tränengas, Wassernotrationen, dazu statt Smartphones einfache Handys mit wenigen eingespeicherten Kontakten – damit bei Verhaftungen nicht mehr alle Demonstranten bekannt werden, die sich auf WhatsApp organisieren. Die Situation sei komplexer als im vergangenen Jahr, sagt Dwayne. Die Polizei werde von regierungsnahen Schlägertrupps unterstützt – auf Seiten der Demonstranten gebe es allerdings auch zunehmend Kriminelle, die das Chaos für Plünderungen und Raub nutzen würden.
„Ojwangs Tod ist kein Einzelfall, sondern ein erschreckender Beleg für die institutionalisierte Straflosigkeit und das skrupellose Verhalten innerhalb der nationalen Polizei Kenias“, sagt Khelef Khalifa, Direktor von Muslims for Human Rights (MUHURI) und renommierter Menschenrechtsverteidiger. Kritiker bezweifeln, dass die diesmal ungewöhnlich umfangreichen Ermittlungen ernsthafte Folgen haben werden. Im Parlament gab es immerhin tagelange Parlamentsanhörungen. So musste die Polizei letztlich eingestehen, dass die ursprüngliche Darstellung des Todes als Selbstmord falsch war. Der Polizeichef sprach von „Fehlinformationen”, die er von seinem Personal erhalten habe.
Ironischerweise gilt Kenias Polizei international als gefragter Partner. Seit vergangenem Jahr stellt sie das Rückgrat einer UN-unterstützten Sicherheitsmission in Haiti – finanziert von den USA. 1.000 Beamte sollen dort gegen bewaffnete Banden vorgehen. Menschenrechtsorganisationen kritisierten den bislang denkbar ineffektiven Einsatz angesichts der Vorwürfe, die der kenianischen Polizei in der Heimat angelastet werden. Selbst bei der Durchsetzung von Covid-Ausgangssperren im Jahr 2020 waren 15 Menschen getötet worden.
Aktivist Dwayne aus Kibera lässt sich jedenfalls nicht einschüchtern. Er berichtet von den niedrigen Gehältern der Polizisten und Korruption, die Polizisten für politische Gefälligkeitsjobs anfällig machen würden. Am 25. Juni plant er eine Gedenkveranstaltung, für die vielen jungen Kenianer, die bei den blutigen Protesten vor einem Jahr getötet wurden. „Das ziehen wir durch”, sagt er, obwohl die Polizei bereits starke Präsenz angekündigt hat, „es geht nicht nur um Trauer – sondern um wirkliche Veränderung.”




